Toolbox: Kulturtechniken der Gegenwart

Performen, patchworken, netzwerken, samplen, labeln - das sind einige der Techniken, mit denen wir uns in dem komplizierten, vielgestaltigen, wenig überschaubaren Raum der Gegenwartskultur bewegen. In einem Seminar an der Kunsthochschule in Bern mache ich diese Kulturtechniken zum Thema. Das heißt: gemeinsam mit den Studierenden erarbeite ich Begriffe von zeitgenössischen Kulturtechniken an konkreten Beispielen aus der Literatur, Film, der Popkultur (HipHop und Graffiti).

Zeitpunkt: 10.-13.11..

Noch Plätze frei.

admin, zuletzt bearbeitet am 30. September 2008 um 16:18

FSK in Bremen

Endlich. Die Münchner Band Freiwillige Selbstkontrolle spielt in Bremen. Am Freitag den 24. Oktober in der Stauerei/Junges Theater.

jochen, zuletzt bearbeitet am 22. September 2008 um 10:18

Werder Bremen Anorthosis Famagusta 0:0

Champions League Saison 2008/09, 1. Spieltag, 16.09., Gruppe B, Werder Bremen kommt im Heimspiel gegen Anorthosis Famagusta nicht über ein 0:0 hinaus. Beide Bremer Sporttageszeitungen, Weser Kurier und Bild, schreiben auf ihren Titelseiten von einer Blamage.

Ich war im Stadion und möchte zwei Beobachtungen festhalten.

1. Es gibt neben den vielen Freuden des Fantums ganz sicher auch eine ganze Reihe von Leiden. Zum Beispiel: so manches Gegentor, oder: eine Mannschaft gibt sich auf. Nachdem Werder x Chancen heraus gespielt und vergeben hatte, ein Tor aber lange nur eine Frage der Zeit schien, zerfiel die Mannschaft im Laufe der zweiten Halbzeit. Sie hörte ganz einfach auf, eine Mannschaft zu sein, also zusammen zu spielen. Für mich als Fan war das unangenehmer als die fehlenden Tore.

2. Ich frage mich, wie Fußballspiele gesehen und erlebt werden. Gestern habe ich an mir beobachtet, dass man Spiele quasi als Begleitung eines bestimmten Spielers erleben kann. Man blickt auf ihn. Man fühlt - vermeintlich - mit ihm. Mein Spieler war gestern Mesut Özil, der zunächst so raffiniert spielte, wie man das kennt und erwartet und wofür man ihn liebt. Später erschien er mir isoliert; er winkte immer wieder da vorne auf der linken Halbposition - und bekam kaum Bälle. Und dann spielte er jede Menge Fehlpässe. Viele Ballverluste. Einmal habe ich gesehen, wie sich Thorsten Frings, der Kapitän, furchtbar über einen Ballverlust Özils aufregte. Beides, der Ballverlust und der Ärger zeigen aus meiner Sicht an, dass die Mannschaft da schon auseinandergefallen war. Aber Frings Schimpferei hat das womöglich noch befördert.

jochen, zuletzt bearbeitet am 18. September 2008 um 13:40

Sound Studies Basel

Auf Einladung von Professor Tholen biete ich in diesem Herbst kurzfristig ein Seminar in der Medienwissenschaft an der Universität Basel an. Da Vorlesungsbeginn bereits in der kommenden Woche ist, hier für interessierte Basler Studierende - und andere Interessierte - das Programm.

Sonic Fictions. Einführung in die Sound Studies – mit Fallbeispielen zu Popmusik und Film

Den Gegenstand des Seminars bilden kulturwissenschaftliche Ansätze, die ermöglichen, SOUND zu konzeptualisieren. Erarbeitet und erprobt werden die Theorien und Begriffe an Fallbeispielen aus Popmusik und Film.
Folgende Fragestellungen werden schwerpunktmäßig diskutiert:
1.) Was machen Sounds mit den Zuhörenden? Inwiefern können Klänge agency besitzen, als Akteure fungieren?
2.) Wie tragen Klänge Bedeutungen? Inwiefern lassen sich Sounds mit Begriffen wie Semantik oder Code erfassen? In welchem Verhältnis stehen Klänge zum Medium Bild? Wie mittel- oder unmittelbar wirken Sounds?
In der Diskussion dieser Fragen skizziert das Seminar eine Ästhetik des Sounds in der Gegenwartskultur.

Semesterplan

Termin 1. Einführung: Sound als Kategorie einer Ästhetik der Gegenwartskultur
Einführende Überlegungen zu der Frage: Was und wie bedeuten Geräusche?

Lektüre:
Diedrich Diederichsen 1997: Hören, Wiederhören, Zitieren, SPEX 1/1997, S. 43-46
Wolfgang Scherer 1983: Die 60er Jahre waren Jahre im Zeichen von Sound, in ders.: Babbelogik – Über Sound und die Auslöschung der buchstäblichen Ordnung, Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld/Roter Stern, S. 89-113

Termin 2. Soundbegriffe bei Michel Chion
Der französische Filmtheoretiker Chion bietet eine Fülle interessanter Begriffe zur kulturwissenschaftlichen Soundanalyse an. U. a. wird er stark von Slavoy Zizek rezipiert.
Diskussion der Begriffe an Beispielen von David Lynch und Christian Petzolds Film „Yella“.
Lektüre:
Michel Chion 1994: Audio-Vision. Sound on Screen, New York: Columbia University Press
Slavoy Zizek 1997: Mehr-Genießen, Wien: Turia + Kant

Termin 3. Zur schieren Materialität des Sounds
Sound jenseits der Bedeutung, Sound als Rauschen – was macht das mit den Zuhörenden?
Lektüre:
Roland Barthes (1977) 1996: The Grain of the Voice, in Simon Frith u. Andrew Goodwin (Hg.): On Record, London und New York: Routledge, S.293-300
Jeremy Gilbert 1999: White light/white heat: jouissance beyond gender in the Velvet Underground, in Andrew Blake (Hg.): Living Through Pop, London und New York: Routledge, S. 31-48

Termin 4. Soundtracks des Alltags
Wie und weshalb gestalten immer mehr Menschen ihren eigenen Soundtrack des Alltags, indem sie sich mit ausgesuchten Tönen umgeben?
Lektüre:
Michael Bull 2000: Sounding Out the City. Personal Stereos and the Management of Everyday Life, London: Berg

Termin 5. Sampling: Kultureller Kontext und psycho-akkustische Effekte
Sampling ist eine der innovativen Kulturtechniken der vergangenen 20 Jahre.
Wie wird Sampling im HipHop, wo es in kultureller Hinsicht situiert ist, aufgefasst und praktiziert. Und wie wirken Sampling-Sounds im Zuhörenden?
Lektüre:
Joseph G. Schloss 2004: Making Beats. The Art of Sample-Based HipHop, Middletown, Connecticut: Wesleyan University Press
Kodwo Eshun 1999: Motion Capture (Interview), in ders.: Heller als die Sonne. Abenteuer in der Sonic Fiction, aus dem Engl. von Dietmar Dath, Berlin: ID Verlag

Termin 6. Die Sonic Fictions klassischer und postmoderner Popkulturen
Klassische Popkulturen, wie die Mods, und postmoderne Popkulturen, wie die Techno-Szene, unterscheiden sich auf der Ebene des Sounds: Zitat vs. Sampling, Bedeutung vs. Atmosphäre, Signifikat vs. Signifikant.
Lektüre:
Jochen Bonz 2008: Subjekte des Tracks. Ethnografie einer postmodernen / anderen Popkultur, Berlin: Kadmos 2008

Termin 7. Aspekte von Soundkulturen
Zusammenfassung, Abschlussdiskussion, Evaluation

jochen, zuletzt bearbeitet am 18. September 2008 um 08:13

Wieder einmal Waldorfpädagogik

Betreff: Frostriesen und Mondbrüller, SZ vom 5.9.2008, S. 13

Sehr geehrte Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung,
auch als nicht-anthroposophische Waldorfschuleltern lässt uns der Artikel von Alexander Kissler an der Seriosität, am Niveau, insbesondere aber am Realitätssinn des SZ-Feuilletons zweifeln. Wohlgemerkt: der Artikel, denn über das laut Kissler miserabel geschriebene „Schwarzbuch Waldorf“, das hier den Anlass liefert, über die Waldorfpädagogik herzuziehen, erfährt man ja nichts außer, dass es miserabel geschrieben sei.
Aus unserer Sicht ist die im Artikel thematisierte Trennung zwischen einerseits dem Theoriegebäude Rudolf Steiners und andererseits den Lehrinhalten der Waldorfschule nicht entscheidend für die Bewertung der Qualität der Waldorfpädagogik. Natürlich gibt es da einen Unterschied. Aber ebenso selbstverständlich ist auch, dass die Überlegungen Steiners die Basis bilden für das, was die Besonderheit der Waldorfpädagogik ausmacht.
Das erste Moment, das uns am Realitätssinn des SZ-Feuilletons Zweifeln lässt, ist die dem Artikel implizite Vorstellung, in der Schule ginge es darum, die Schülerinnen und Schüler mit Wissensinhalten anzufüllen. Als ob nicht auch junge Menschen in einem Verhältnis, in einer Beziehung zu den Dingen stünden! (Nebenbemerkung: leben Kinder nicht auch in der reflexiven Moderne? Ist diese Erfahrung Erwachsenen vorbehalten?) In ihrer speziellen Weise macht die Waldorfpädagogik den Aspekt der Beziehung des Individuums zur Wirklichkeit, zu den Dingen, zu Wissensgegenständen, sehr stark. Das kommt zum Beispiel in der Integration des Handwerklichen, Gärtnerischen und des künstlerisch Tätigseins in den Schulalltag zum Ausdruck. Unterstützen diese Tätigkeiten doch die Vielfalt der Zugänge zu den Dingen. Unterstützt nicht auch der so genannte Epochenunterricht die intensive Auseinandersetzung mit den Dingen, indem er das Sich-Einlassen fördert? Es gäbe da noch x Beispiele. Unser Eindruck ist, dass gerade indem in der Waldorfschule das Zustandekommen einer Beziehung zu möglichen Wissensgegenständen unterstützt wird, das geschieht, was die Waldorfpädagogik auch ausdrücklich als ihren Ansatz und als ihr Ziel formuliert: die Persönlichkeit des Kindes zu entfalten. Insofern ist das lernende Subjekt in der Waldorfpädagogik – im Gegensatz zu anderen Pädagogiken – vielleicht zentraler als die Wissensinhalte. In diesem Zusammenhang müssen die im Artikel als Beispiele für obskure Wissensinhalte fungierenden Wesen wie die Frostriesen und Mondbrüller gesehen werden. Sie sind keine Lerninhalte. Sie sind aber auch nicht nur Steinersche Ideen. Sie sind in einer bestimmten Phase der Kindheit vielleicht vielmehr Wesenheiten von einer Art, die den Kindern vertraut und selbstverständlich sind. Und deren Vorkommen in der Schule die Kinder als Subjekte des Lernens ernst nimmt.
Das zweite Moment: In seiner despektierlichen Art, über alle möglichen Wesen und beispielsweise auch über Reinkarnation zu schreiben, sowie mit der Art und Weise, mit der im Artikel die grundgesetzliche Schulaufsichtspflicht des Staates ins Spiel gebracht wird, bringt der Artikel die implizite Überzeugung zum Ausdruck, es gäbe falsches und richtiges Wissen, und zwar eindeutig bestimmbar. Das erscheint uns in dieser Krassheit absurd – und außerdem ignorant und einigermaßen intolerant. Leben wir doch in einer Wirklichkeit, in der sich zum einen Wissensbestände rasant ändern und die zum anderen, wie die Wissenssoziologie seit ziemlich genau einhundert Jahren immer wieder aufs Neue herausgearbeitet hat, dadurch gekennzeichnet ist, dass beispielsweise schichtspezifische, religiöse, ethnische, generationen- und lebensstilmäßige Wissensordnungen koexistieren. Vor diesem Hintergrund, und damit kommen wir noch einmal zurück auf den ersten Aspekt, muss es einer zeitgenössischen Pädagogik doch darum gehen, ihr Subjekt in die Lage zu versetzen, an der Wirklichkeit interessiert zu sein – und lernen zu wollen. Gerade das scheint uns der Waldorfschule aber relativ gut zu gelingen.
Das Niveau des Pädagikbegriffes, sowie der Auseinandersetzung mit der Realität an den Waldorfschulen, des von Ihnen veröffentlichten Artikels ist beschämend. Vielleicht ist es an der Zeit, dass das Feuilleton aufhört, Armchair-Ethnography an der Gegenwartskultur zu betreiben – und damit beginnt, Feldforschungsreisen in die Realität zu unternehmen.

J.B.

admin, zuletzt bearbeitet am 9. September 2008 um 18:37

4 Alben + 1 Text

Blaktroniks: Mechanized Soul (Pharub 002/Groove Attack)

Move D & Benjamin Brunn: Songs From The Beehive (Smalville CD 01/WordAndSound)

Thomas Meinecke & Move D: Flugbegleiter, Übersetzungen / Translations (Intermedium Rec. 030/BR)

Ragga Twins: Ragga Twins Step Out (Soul Jazz Records CD 190)

Zu Ragga Twins: In einem aktuell in dem Sammelband Pop in R(h)einkultur (hrsg. von D. Matejovski, M. S. Kleiner und E. Stahl) veröffentlichten Text mit dem Titel Die Hipness integrativer Ästhetik (S. 83-102) versuche ich aus der SPEX der Jahre 91-93 den Entwurf einer Ästhetik heraus zu lesen, die anstrebt, das Vielfache, das Diverse zu integrieren - ohne Zerstörung eines der beteiligten Elemente. Auf der Ragga Twins-Compilation, die Musik aus den Jahren 90-92 enthält, produziert von den legendären Shut Up And Dance, kann man eine solche Ästhetik hören: Reggae, Dancehall Reggae, Rave, House, HipHop, Jungle, soziale Umgebungen und ereignishafte Momente enthaltend, sind gleichzeitig DA. Es findet also gerade nicht die Einschränkung von Bedeutungsspuren im Rahmen einer hegemonialen Ästhetik statt, sondern ausgestellt  wird die Gleichzeitigkeit vieler Spuren. Gleichzeitig, auch im Sinne von: die haben etwas miteinander zu tun. Ich finde das sehr beeindruckend.

jochen, zuletzt bearbeitet am 4. September 2008 um 17:18

3:2

Als vor zwei Jahren der zuvor großartig spielende Miroslav Klose total durchhing - so wie jetzt wieder - tönte während eines Spiels  eine stadtbekannte Nachwuchs-Psychoanalytikerin aus der Stehplatzreihe hinter mir, wenn er zu ihr auf die Couch käme, würde alles wieder gut. (Hat er nicht gemacht, so viel ich weiss. Pech.) Und auch ich mache mir ab und zu Gedanken über die Rolle des  Unbewußten im Mannschaftsspiel. Nach der furchtbar enttäuschenden, miserabel gespielten 3:2-Niederlage Werder Bremens in Gladbach an diesem Samstag (ein 3:0 wäre dem Spiel angemessener gewesen) frage ich mich zum Beispiel, ob sich die Mannschaft bei ihren vermeintlichen Stars - Diego und Pizzaro, die in diesem Spiel zum ersten Mal gemeinsam auftraten - durch Leistungsverweigerung gerächt hat für ein Übermaß an Starrummel. Wenn an dieser Interpretation etwas  dran sein sollte, liesse sich damit die Hoffnung verbinden, dass die kommenden Spiele deutlich besser werden. Denn das wäre damit ja erledigt.

jochen, zuletzt bearbeitet am 1. September 2008 um 08:55
www.jochenbonz.de