Auf Einladung von Professor Tholen biete ich in diesem Herbst kurzfristig ein Seminar in der Medienwissenschaft an der Universität Basel an. Da Vorlesungsbeginn bereits in der kommenden Woche ist, hier für interessierte Basler Studierende - und andere Interessierte - das Programm.
Sonic Fictions. Einführung in die Sound Studies – mit Fallbeispielen zu Popmusik und Film
Den Gegenstand des Seminars bilden kulturwissenschaftliche Ansätze, die ermöglichen, SOUND zu konzeptualisieren. Erarbeitet und erprobt werden die Theorien und Begriffe an Fallbeispielen aus Popmusik und Film.
Folgende Fragestellungen werden schwerpunktmäßig diskutiert:
1.) Was machen Sounds mit den Zuhörenden? Inwiefern können Klänge agency besitzen, als Akteure fungieren?
2.) Wie tragen Klänge Bedeutungen? Inwiefern lassen sich Sounds mit Begriffen wie Semantik oder Code erfassen? In welchem Verhältnis stehen Klänge zum Medium Bild? Wie mittel- oder unmittelbar wirken Sounds?
In der Diskussion dieser Fragen skizziert das Seminar eine Ästhetik des Sounds in der Gegenwartskultur.
Semesterplan
Termin 1. Einführung: Sound als Kategorie einer Ästhetik der Gegenwartskultur
Einführende Überlegungen zu der Frage: Was und wie bedeuten Geräusche?
Lektüre:
Diedrich Diederichsen 1997: Hören, Wiederhören, Zitieren, SPEX 1/1997, S. 43-46
Wolfgang Scherer 1983: Die 60er Jahre waren Jahre im Zeichen von Sound, in ders.: Babbelogik – Über Sound und die Auslöschung der buchstäblichen Ordnung, Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld/Roter Stern, S. 89-113
Termin 2. Soundbegriffe bei Michel Chion
Der französische Filmtheoretiker Chion bietet eine Fülle interessanter Begriffe zur kulturwissenschaftlichen Soundanalyse an. U. a. wird er stark von Slavoy Zizek rezipiert.
Diskussion der Begriffe an Beispielen von David Lynch und Christian Petzolds Film „Yella“.
Lektüre:
Michel Chion 1994: Audio-Vision. Sound on Screen, New York: Columbia University Press
Slavoy Zizek 1997: Mehr-Genießen, Wien: Turia + Kant
Termin 3. Zur schieren Materialität des Sounds
Sound jenseits der Bedeutung, Sound als Rauschen – was macht das mit den Zuhörenden?
Lektüre:
Roland Barthes (1977) 1996: The Grain of the Voice, in Simon Frith u. Andrew Goodwin (Hg.): On Record, London und New York: Routledge, S.293-300
Jeremy Gilbert 1999: White light/white heat: jouissance beyond gender in the Velvet Underground, in Andrew Blake (Hg.): Living Through Pop, London und New York: Routledge, S. 31-48
Termin 4. Soundtracks des Alltags
Wie und weshalb gestalten immer mehr Menschen ihren eigenen Soundtrack des Alltags, indem sie sich mit ausgesuchten Tönen umgeben?
Lektüre:
Michael Bull 2000: Sounding Out the City. Personal Stereos and the Management of Everyday Life, London: Berg
Termin 5. Sampling: Kultureller Kontext und psycho-akkustische Effekte
Sampling ist eine der innovativen Kulturtechniken der vergangenen 20 Jahre.
Wie wird Sampling im HipHop, wo es in kultureller Hinsicht situiert ist, aufgefasst und praktiziert. Und wie wirken Sampling-Sounds im Zuhörenden?
Lektüre:
Joseph G. Schloss 2004: Making Beats. The Art of Sample-Based HipHop, Middletown, Connecticut: Wesleyan University Press
Kodwo Eshun 1999: Motion Capture (Interview), in ders.: Heller als die Sonne. Abenteuer in der Sonic Fiction, aus dem Engl. von Dietmar Dath, Berlin: ID Verlag
Termin 6. Die Sonic Fictions klassischer und postmoderner Popkulturen
Klassische Popkulturen, wie die Mods, und postmoderne Popkulturen, wie die Techno-Szene, unterscheiden sich auf der Ebene des Sounds: Zitat vs. Sampling, Bedeutung vs. Atmosphäre, Signifikat vs. Signifikant.
Lektüre:
Jochen Bonz 2008: Subjekte des Tracks. Ethnografie einer postmodernen / anderen Popkultur, Berlin: Kadmos 2008
Termin 7. Aspekte von Soundkulturen
Zusammenfassung, Abschlussdiskussion, Evaluation
jochen, zuletzt bearbeitet am 18. September 2008 um 08:13