Wieder einmal Waldorfpädagogik
Betreff: Frostriesen und Mondbrüller, SZ vom 5.9.2008, S. 13
Sehr geehrte Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung,
auch als nicht-anthroposophische Waldorfschuleltern lässt uns der Artikel von Alexander Kissler an der Seriosität, am Niveau, insbesondere aber am Realitätssinn des SZ-Feuilletons zweifeln. Wohlgemerkt: der Artikel, denn über das laut Kissler miserabel geschriebene „Schwarzbuch Waldorf“, das hier den Anlass liefert, über die Waldorfpädagogik herzuziehen, erfährt man ja nichts außer, dass es miserabel geschrieben sei.
Aus unserer Sicht ist die im Artikel thematisierte Trennung zwischen einerseits dem Theoriegebäude Rudolf Steiners und andererseits den Lehrinhalten der Waldorfschule nicht entscheidend für die Bewertung der Qualität der Waldorfpädagogik. Natürlich gibt es da einen Unterschied. Aber ebenso selbstverständlich ist auch, dass die Überlegungen Steiners die Basis bilden für das, was die Besonderheit der Waldorfpädagogik ausmacht.
Das erste Moment, das uns am Realitätssinn des SZ-Feuilletons Zweifeln lässt, ist die dem Artikel implizite Vorstellung, in der Schule ginge es darum, die Schülerinnen und Schüler mit Wissensinhalten anzufüllen. Als ob nicht auch junge Menschen in einem Verhältnis, in einer Beziehung zu den Dingen stünden! (Nebenbemerkung: leben Kinder nicht auch in der reflexiven Moderne? Ist diese Erfahrung Erwachsenen vorbehalten?) In ihrer speziellen Weise macht die Waldorfpädagogik den Aspekt der Beziehung des Individuums zur Wirklichkeit, zu den Dingen, zu Wissensgegenständen, sehr stark. Das kommt zum Beispiel in der Integration des Handwerklichen, Gärtnerischen und des künstlerisch Tätigseins in den Schulalltag zum Ausdruck. Unterstützen diese Tätigkeiten doch die Vielfalt der Zugänge zu den Dingen. Unterstützt nicht auch der so genannte Epochenunterricht die intensive Auseinandersetzung mit den Dingen, indem er das Sich-Einlassen fördert? Es gäbe da noch x Beispiele. Unser Eindruck ist, dass gerade indem in der Waldorfschule das Zustandekommen einer Beziehung zu möglichen Wissensgegenständen unterstützt wird, das geschieht, was die Waldorfpädagogik auch ausdrücklich als ihren Ansatz und als ihr Ziel formuliert: die Persönlichkeit des Kindes zu entfalten. Insofern ist das lernende Subjekt in der Waldorfpädagogik – im Gegensatz zu anderen Pädagogiken – vielleicht zentraler als die Wissensinhalte. In diesem Zusammenhang müssen die im Artikel als Beispiele für obskure Wissensinhalte fungierenden Wesen wie die Frostriesen und Mondbrüller gesehen werden. Sie sind keine Lerninhalte. Sie sind aber auch nicht nur Steinersche Ideen. Sie sind in einer bestimmten Phase der Kindheit vielleicht vielmehr Wesenheiten von einer Art, die den Kindern vertraut und selbstverständlich sind. Und deren Vorkommen in der Schule die Kinder als Subjekte des Lernens ernst nimmt.
Das zweite Moment: In seiner despektierlichen Art, über alle möglichen Wesen und beispielsweise auch über Reinkarnation zu schreiben, sowie mit der Art und Weise, mit der im Artikel die grundgesetzliche Schulaufsichtspflicht des Staates ins Spiel gebracht wird, bringt der Artikel die implizite Überzeugung zum Ausdruck, es gäbe falsches und richtiges Wissen, und zwar eindeutig bestimmbar. Das erscheint uns in dieser Krassheit absurd – und außerdem ignorant und einigermaßen intolerant. Leben wir doch in einer Wirklichkeit, in der sich zum einen Wissensbestände rasant ändern und die zum anderen, wie die Wissenssoziologie seit ziemlich genau einhundert Jahren immer wieder aufs Neue herausgearbeitet hat, dadurch gekennzeichnet ist, dass beispielsweise schichtspezifische, religiöse, ethnische, generationen- und lebensstilmäßige Wissensordnungen koexistieren. Vor diesem Hintergrund, und damit kommen wir noch einmal zurück auf den ersten Aspekt, muss es einer zeitgenössischen Pädagogik doch darum gehen, ihr Subjekt in die Lage zu versetzen, an der Wirklichkeit interessiert zu sein – und lernen zu wollen. Gerade das scheint uns der Waldorfschule aber relativ gut zu gelingen.
Das Niveau des Pädagikbegriffes, sowie der Auseinandersetzung mit der Realität an den Waldorfschulen, des von Ihnen veröffentlichten Artikels ist beschämend. Vielleicht ist es an der Zeit, dass das Feuilleton aufhört, Armchair-Ethnography an der Gegenwartskultur zu betreiben – und damit beginnt, Feldforschungsreisen in die Realität zu unternehmen.
J.B.
6 Kommentare »
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Sehr geehrter Jochen Bonz,
Sie schreiben:
“Aber ebenso selbstverständlich ist auch, dass die Überlegungen Steiners die Basis bilden für das, was die Besonderheit der Waldorfpädagogik ausmacht.”
Damit haben Sie Recht! Haben Sie einmal Steiners “Allgemeine Menschenkunde - als Grundlage der Pädagogik” gelesen?
Sollten Sie tun. Denn das ist die “Bibel” der Waldorfseminare …
Werfen Sie doch mal einen Blick auf meinen Bericht aus dem “Seminar für Waldorfpädagogik Berlin”:
“Wundersame Waldorf-Pädagogik oder Atlantis als Bewusstseinszustand”
http://www.novo-magazin.de/71/novo7138.htm
Sie können dann selber feststellen, was “Ausbildung” zum Waldorflehrer bedeutet … vielleicht “Gehirnwäsche”, wie es ein Mit-Seminarist ausdrückte?
Meine Anmerkung zum Artikel in der SZ handelt nicht von der Lehrerausbildung, sondern vom Unterricht.
Mit Dogmatismus habe ich nichts zu tun - aber es gibt ihn überall!
Hallo Jochen Bonz,
halten Sie es ernsthaft für Zufall, dass Waldorflehrer SO “ausgebildet” werden?
Meinen Sie wirklich, die Waldorf-Lehrerausbildung habe nichts mit der Waldorf-Unterrichtspraxis zu tun?
Ich habe Ihnen nur meinen allerersten Artikel zum Thema geschickt. Es gibt mehr … mehr Artikel und z.B. die 45-minütige TV-Dokumentation des SWR “Betrifft: Wie gut sind Waldorfschulen?”
Dr. Dietrich Krauß, Autor, filmte u.a. in der “Freien Hochschule Stuttgart”, staatlich anerkanntes Waldorfseminar. Und war erschüttert, sagte mir nach seinem Dreh: “Das war BODENLOS!”
“Bodenlos”, so wie: “jedes Niveau unterschritten” und “dogmatisch”.
Ich kenne die Waldorfschule von innen und habe an Ihrer Hetze kein Interesse.
Hallo Jochen Bonz,
na, das ist doch mal nen klares Wort: “Hetze”
o.k., jetzt kann ich Ihren Leserbrief besser einordnen. Danke!
na, Herr Bonz,
wieder mal einen Kommentar gelöscht?
Hat Ihre Frau, die Waldorflehrerin, Ihnen eins mit dem Nudelholz übergebraten?