Ballack und Frings und Löw

In dem Theater, das es in den vergangenen Tagen rund um Michael Ballacks zweifellos heftige Kritik am Umgang Joachim Löws mit altgedienten Spielern  gab, war sehr wenig Verständnis für Ballack oder auch für Frings zu hören. Stattdessen gab es viel Empörung. Als Skandalös wurde die Attacke auf den Bundestrainer vielfach empfunden. Als unmöglich. Mit Judith Butler gesprochen: es gilt weitgehend als nicht intelligibel (also: einfach unvorstellbar), dass Spieler ihren Trainer öffentlich derart angehen.

Ich denke auch, um mal ganz bescheiden anzufangen, dass Trainer für den Fußball unverzichtbar sind. Aber öffentlich unkritisierbar?

Ich fürchte, aus den Reaktionen auf den Ballack/Frings-Löw-Streit - und zwar bis hin zu den lächerlichen Entschuldigungen, die die beiden Querulanten jetzt nachgeschoben haben - liesse sich eine wenig schmeichelhafte Aussage über unsere Gegenwartskultur heraus lesen. Über die deutsche Kultur. Nämlich, dass sie massiv durch Autoritätsfixierung gekennzeichnet ist. Immer noch.

Das scheint natürlich auch für Frings und Ballack selbst zu gelten, die sich ja selbst als Herren gerieren, um sich dann auch wieder zu unterwerfen. Hat nicht auch die derzeit fragwürdige Qualität des Spiels des SV Werder Bremen etwas damit zu tun, dass zu viel Bestimmertum (Frings, Diego) auf dem Platz ist - oder in den Köpfen?

Und: stimmt es eigentlich, dass eine neue Generation von Spielern - sagen wir es ruhig: namentlich Simon Rolfes - anders spielt/denkt/wahrnimmt/sich verhält?

Frage: Woraus bezieht ein guter, d.h. erfolgreicher Trainer heute seine Autorität?

Frage: Ist es nicht einleuchtend, dass ein schnelles, flexibles Fussballspiel einfacher zustande kommt, wenn kein Chef auf dem Platz steht? (So habe ich Klaus Theweleit verstanden.)

jochen, zuletzt bearbeitet am 27. Oktober 2008 um 11:37

Freiwillige Selbstkontrolle, ein Freitagabend, gestern und heute

Freiwillige Selbstkontrolle, Stauerei, 24.10.2008. Ein Ausschnitt von siebenunzwanzig Sekunden aus einem Konzert, in dem das Gestern (New Wave) heute war. Und in dem zugleich - zugleich! - auch das, was an FSKs Musik das Heute ist (ihr Umgang mit Techno, mit R&B, mit aktuellen Groove-Musikformen), hyper-zeitgenössisch klang. Ich fühlte mich, wie in einer ganz schön beschleunigten Zeitschlaufe zwischen 1981 und einem Jetzt, das diese … überwiegend: Herrschaften eines ja durchaus fortgeschrittenen Alters möglicherweise besser kennen als man selbst. Am Freitagabend waren wir ein Teil dieser Geschichte.

Kamera: K. Bonz.

jochen, zuletzt bearbeitet am 25. Oktober 2008 um 10:37

Lambchop

Christian Steinbrink hat in der aktuellen Ausgabe des Musikmagazins Intro das neue Album der Band Lambchop gelobt, OH (Ohio). Leider vergebens. Bis auf die B-Seiten-Version des Stücks “Slipped Dissolved and Loosed” entbehrt das gesamte Album leider der Spannung, die auf etwa Is A Woman (City Slang 2002) derselbe Produzent (Mark Nevers) den Liedern Kurt Wagners angedeihen lassen konnte. Diese Spannung - zwischen Minimal Soul und Minimal Country und Minimal Ausdruck etc. - fehlt. Sehr. Und damit der Reiz dieser zuvor dezenten, distanzierten Wehmutsmusik.

jochen, zuletzt bearbeitet am 19. Oktober 2008 um 16:15

Vortrag: Gabe

Am 28.10. halte ich in der Reihe Kulturhistorische Vorlesung an der Hochschule der Künste Bern einen Vortrag über Bronislaw Malinowskis Beobachtungen am Tauschsystem des Kula und Marcel Mauss Theorie der Gabe: Das soziale Band der Gabe, 16:15-17:30, Grosser Konzertsaal.

jochen, zuletzt bearbeitet am 19. Oktober 2008 um 16:04

Studiumsprojekt “Fußballfans”

Das von Frank Müller und mir betreute, zweisemestrige Studiumsprojekt im Bachelor-Studiengang Kulturwissenschaft an der Universität Bremen untersucht Erscheinungsformen des Fantums rund um die Bundesligamannschaft des SV Werder Bremen.

Es findet statt ab der kommenden Woche, mittwochs von 13:00 - 17:00 Uhr.

Die Ergebnisse sollen im Herbst 2009 in Buchform veröffentlicht werden.

Seminarplan

22.10.

Einführung: das Vorhaben skizzieren, Ideen sammeln. Schlaglichter auf Unterschiedliche Möglichkeiten, sich einzubringen.

GIULIANOTTI lesen + diskutieren

Aufgabe: Ideen entwickeln, recherchieren, exzerpieren

29.10.

NICK HORNBY: Clowns, hören + diskutieren

Ideen präsentieren: Was wollen wir tun? Wie könnte das Buch aussehen?

Diskussion und Beschluss über die Forschungen: welche Untersuchungsgegenstände und –gruppen? Welche Methoden? Interviews, Gespräche? Theoriearbeiten? Literaturüberblick?

5.11.

Beobachtung an einem Fußballspiel, Vorschlag: Bremen-Hoffenheim, 27.09.2008 - Was ist zu sehen?

Aufgabe: Ausarbeitung einer szenischen Beschreibung von etwas, das man im Spiel gesehen hat. Abgabe des Textes bis zum 11.11. per email an beide Dozenten. (Rückmeldung am 19.11.)

12.11.

Teilnehmende Beobachtung beim Training der Bundesligamannschaft des SV Werder Bremen, Pauliner Marsch

Was passiert? Was machen die Fans? Wie verhalten sie sich? Was erleben sie? Was wollen sie? Was bekommen sie? Etc.

Aufgabe: Anfertigung schriftlicher Notizen

19.11.

Präsentation der Notizen aus der Teilnehmenden Beobachtung am Training

Diskussion über weiteres Vorgehen

Rückmeldung zu den szenischen Beschreibungen des Fußballspiels

Aufgabe: Die Teilnehmenden arbeiten an ihren jeweiligen Forschungen

26.11.

Referate über Studien aus dem Bereich der Fußball- und der Fußballfanforschung

Begleitung der Forschungsvorhaben

Aufgabe: s.o.

03.12.

Teilnehmende Beobachtung beim Training

Aufgabe: s.o.

10.12.

Diskussion der Beobachtungen beim Training

Präsentation erster Forschungserlebnisse, erster Überlegungen und Ergebnisse

Aufgabe: s.o.

17.12.

Präsentation und Diskussion erster Forschungsergebnisse

Beschluss über weiteres Vorgehen

Aufgabe: s.o.

07.01., 14.01., 21.01.

Präsentation und Diskussion

Aufgabe: s.o.

28.01.

Beratschlagung: Wie organisieren wir das zweite Projektsemester?

Aufgabe: s.o.

04.02.

Festlegung der Aufgaben für die Semesterferien

 

Literatur

Alkemeyer, Thomas 2008: Fußball als Figurationsgeschehen. Über performative Gemeinschaften in modernen Gesellschaften, in Gabriele Klein und Michael Meuser (Hg.), S. 87-111.

Brandes, Holger, Harald Christa und Ralf Evers (Hg.) 2006: Hauptsache Fußball. Sozialwissenschaftliche Einwürfe, Gießen: Psychosozial Verlag.

Giulianotti, Richard 2002: Supporters, Followers, Fans, and Flaneurs: A Taxonomy of Spectator Identities in Football, Journal of Sport & Social Issues, Vol 26, S. 25-46.

Göbbel, Narciss, Fedor Jokisch und Peter-Rainer Lange 1980: „Werder, Werder“ – und sonst nichts? Fußballzuschauer in der Region Bremen, in Rolf Lindner (Hg.), S. 52-79.

Gumbrecht, Hans Ulrich 2005: Lob des Sports, aus dem Amerik. von Georg Deggerich, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Hagel, Antje, Nicole Selmer und Almut Sülzle 2005: Gender Kicks. Texte zu Fußball und Geschlecht, KOS-Schriften 10, Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) bei der Deutschen Sportjugend, Frankfurt a. M.

Horak, Roman und Wolfgang Maderthaner 1997: Mehr als ein Spiel. Fußball und populare Kulturen im Wien der Moderne, Wien: Löcker.

Hornby, Nick 1999: Clowns, in ders.: Fever Pitch. Ballzauber – Die Geschichte eines Fans, Köln: Kiepenheuer und Witsch, S. 179-184.

Jacke, Christoph 2008: Verortungen des Dazwischen. Vergesellschaftung durch Kommunikation und Konsum an den popkulturellen Dritten Orten Musik-Club und Fußball-Stadion, in Kai-Uwe Hellmann und Guido Zurstiege (Hg.): Räume des Konsums. Über den Funktionswandel von Räumlichkeit im Zeitalter des Konsumismus, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 159-177.

Klein, Gabriele und Michael Meuser (Hg.) 2008: Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs, Bielefeld: transcript.

Krankenhagen, Stefan und Birger Schmidt (Hg.) 2007: Aus der Halbdistanz. Fußballbiographien und Fußballkulturen heute, Berlin: LIT.

Lindner, Rolf (Hg.) 1980: Ansichten vom Zuschauer, Frankfurt a. M.: Syndikat.

Lindner, Rolf (Hg.) 1983: Der Satz „Der Ball ist rund“ hat eine gewisse philosophische Tiefe, Berlin: Transit.

Lindner, Rolf und Heinrich Th. Breuer 1978: „Sind doch nicht alles Beckenbauers“. Zur Sozialgeschichte des Fußballs im Ruhrgebiet, Frankfurt a. M.: Syndikat.

Marschik, Matthias, Rudolf Müllner, Georg Spitaler, Michael Zinganel (Hg.) 2005: Stadion. Geschichte, Architektur, Politik, Ökonomie, Wien: Turia + Kant.

Marsh, Peter 1980: Leben und „Laufbahnen“ auf den Fußballrängen, in Rolf Lindner (Hg.), S. 117-137.

Marsh, Peter, Ron Harré und Elisabeth Rosser 1978: The Rules of Disorder, London: Routledge & Kegan Paul.

Merkel, Udo 2007: Milestones in the Development of Football Fandom in Germany: Global Impacts on Local Contests, in Soccer & Society, 8:2, S. 221-239.

Mikos, Lothar 2007: Mythos Fan. Fußball-Fankulturen im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen, in Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland (Hg.), S. 479-497.

Mittag, Jürgen und Jörg-Uwe Nieland (Hg.) 2007: Das Spiel mit dem Fußball. Interessen, Projektionen und Vereinnahmungen, Essen: Klartext.

Moor, Liz 2007: Sport and Commodification. A Reflection on Key Concepts, in Journal of Sport and Social Issues, 31, S. 128-142.

Pilz, Gunter A., Sabine Behn, Andreas Klose, Victoria Schwenzer, Werner Steffan, Franciska Wilki 2006: Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, Schorndorf: Hofmann.

Sandvoss, Cornel 2003: Football, Television and Globalization, London und New York: Routledge

Selmer, Nicole 2004: Watching the Boys Play – Frauen als Fußballfans, Kassel: Agon Sportverlag.

Stone, Chris 2007: The Role of Football in Everyday Life, in Soccer & Society, 8:2, S. 169-184.

Sülzle, Almut 2007: Titten unterwegs. Weibliche Fankulturen im Männerfußball, in Verch, Johannes, Gabriele Jähnert, Karin Aleksander und Kerstin Rosenbusch (Hg.), Bulletin-Texte / Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Bulletin-Texte 33, Berlin: Geschäftsstelle des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin, S. 54-64.

Weed, Mike 2007: The Pub as a Virtual Football Fandom Venue: An Alternative to ‚Being there’?, in Soccer & Society, 8:2, S. 399-414.

Weiser, Fedor 2002: Fußball als Droge? Zur identifikatorischen Versorgung jugendlicher Fußballfans, in Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend (Hg.): Fußball als Droge, KOS-Schriften 9, Frankfurt a. M., S. 45-207.

Wheaton, Belinda 2007: After Sport Culture. Rethinking Sport and Post-Subcultural Theory, in Journal of Sport & Social Issues, 31:3, S. 283-307.

Williams, John 1999: Is it All Over? Can Football Survive the Premier League?, Reading: South Street Press.

Williams, John 2006: ‚Protect Me From What I Want’: Football Fandom, Celebrity Cultures and ‚New’ Football in England, in Soccer & Society, 7:1, S. 96-114.

Williams, John 2007: Rethinking Sports Fandom. The Case of European Soccer, in Leisure Studies, 26:2, S. 127-146.

 

jochen, zuletzt bearbeitet am 19. Oktober 2008 um 16:15

Interkulturelle Kommunikation in den Wissenschaften

Am 23. und 24.10.2008 findet im Haus der Wissenschaft in Bremen die Tagung Lost in Transnation statt. Gegenstand sind aktuelle Schwierigkeiten und Perspektiven interkultureller Wissenschaftskommunikation. Ich moderiere dort am 23. ab 14:30 ein Panel mit dem Titel “Different Scholarly Cultures - Towards a new intercultural quality”. Willkommen!

admin, zuletzt bearbeitet am 19. Oktober 2008 um 15:34

Neue Büroadresse

Umzug. Ab dem 1. November ändert sich meine Büroadresse. Es geht weg vom Jugendstil der Rückertstrasse in der Bremer Neustadt und hin zum Bahnhof: Künstlerhaus Güterabfertigung - Beim Handelsmuseum 9 / Am Güterbahnhof, 28195 Bremen.

admin, zuletzt bearbeitet am 8. Oktober 2008 um 13:06

Chion, Yella

Vorige Woche im Kollegienhaus der Universität Basel. Vormittags erarbeitet sich das Seminar zentrale Begriffe von Michel Chions Theorie der Audiovision. Nachmittags schaut das Seminar eine gute halbe Stunde von Petzolds “Yella”. In einer intensiven Diskussion, in der die erarbeiteten Begriffe auf den Film angewandt werden, tut sich eine Interpretation des Filmes auf. Niemand außer mir hatte den Film zuvor gesehen oder von ihm gehört. Aber Michel Chions Idee des rendu / rendering erlaubte es den Seminarteilnehmern, diejenige Ebene des Filmes auszumachen, die real ist. Nach einer halben Stunde des Films!

So hilfreich können analytische Begriffe sein, wenn sie von entsprechend wach Wahrnehmenden benutzt werden.

Das hat viel Spass gemacht.

admin, zuletzt bearbeitet am 7. Oktober 2008 um 21:18
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