Was ist jetzt was?

Zu meiner Ethnologievorlesung an der Uni Bremen sind immer wieder Fragen entstanden. Die folgenden hat Julia Becher gestellt.

1. Mir ist nicht ganz klar, worin der Unterschied zwischen Habitus,  dem großen Anderen und Ontologie besteht. Ist es so, dass der  Habitus etwas ererbtes ist, also sehr stark von unserem Umfeld beeinflusstes, das unsere “Sicht auf die Dinge” beeinflusst? Also, das unsere Wahrnehmungen anhand von erlebten / anerzogenen  Konventionen interpretiert? Und wie grenzt sich dann der Habitus vom  großen Anderen und der Ontologie ab?

Antwort: Das ist eine tolle Frage, die mir diese Woche direkt im Anschluß an die Vorlesung schon einmal gestellt wurde. Sie ist für mich nicht einfach zu beantworten, da es mir im Gebrauch dieser Begriffe zunächst gar nicht um ihre Unterschiede, sondern nur um ihre Gemeinsamkeiten ging. Ich habe sie ja wirklich beinahe synonym verwendet. Und zwar um zu zeigen, dass man aus ethnologischer Perspektive (eigentlich überhaupt aus sozialwissenschaftlicher Perspektive) den einzelnen Menschen nicht ohne Bezug zu Werten und Wirklichkeitswahrnehmungsweisen von kollektiver Gültigkeit denken kann. Die geläufigen Bezeichnungen “Sozialisation” und “Enkulturation” stehen ja hierfür sehr deutlich. Es geht in all diesen Begriffen also um ein kollektives Moment im Individuum. Aber Achtung! Die Autoren, die diese Konzeptionen vertreten (haben), beziehen sich gar nicht aufeinander. Und erstaunlicherweise wird das auch selten getan. Ich finde aber, dass sich das in hohem Maße anbietet.
Ontologie - übrigens im Sinne Bruno Latours, wie man dazu sagen muss, denn mit dem gleichnamigen philosophischen Untersuchungsbereich hat das nur wenig zu tun! - meint einfach eine Welt; das, was da ist; all das, was eine Bedeutung besitzt; Bruno Latour sagt dazu: was eine Artikulation besitzt, artikuliert ist. Die Dinge, die zu uns sprechen, einen Sinn haben.
Wie Sie sehen, ist das etwas Kollektives und Individuelles zugleich, weil wir uns doch das Vorhandensein, die Bedeutung vieler Dinge mit anderen Menschen teilen. Mit manchen wiederum aber auch nicht. Sie bewegen sich dann in einer anderen, oder: in einer teilweise anderen Ontologie. Auch wichtig: Ontologien sind variabel; sie verändern sich ständig. Das ist das, was Bruno Latour eigentlich interessiert.
Jetzt kann man sich ja fragen: Wie kommt der Mensch zur Ontologie? Oder: Wie kommt eine Ontologie in den Menschen? Die Antwort: Im Prozess der Sozialisation. In Form eines kulturellen Erbes: der Mensch übernimmt die Ontologie von seinen Vorfahren. Damit haben wir wesentliche Merkmale dessen, was Pierre Bourdieu unter Habitus versteht: eine Art, die Wirklichkeit wahrzunehmen, die im genannten Sinne ererbt ist - und in der sich eine Ontologie im Menschen ausbildet. So dass man auch sagen kann: Das Individuum ist eigentlich das Subjekt eines bestimmten Habitus, einer bestimmten Art, die Wirklichkeit wahrzunehmen.

Der große Andere ist schließlich ein Begriff aus der strukturalen Psychoanalyse Jacques Lacans und meint - gebraucht man die Bezeichnung im Hinblick auf Bourdieus Überlegungen; wie gesagt: das wird aus irgend welchen Gründen bislang nicht gemacht - nichts anderes als die psychische Instanz, die im Einzelnen den Habitus verkörpert, die Ontologie repräsentiert. Das “Anderer” steht dafür, dass es hier um etwas geht, was nicht immer schon im Menschen drin war, sondern von außen, aus der Gesellschaft, der Kultur im Sozialsationsvorgang in ihn hinein gelegt wurde, sich in ihm ausgebildet hat. Zugleich ist es aber auch das Subjekt selbst, denn im Vorgang der Sozialisation entsteht der Mensch schließlich als der, der er ist.

Man kann sich den großen Anderen zum Beispiel als Über-Ich vorstellen: als eine innere Stimme, die die Gedanken und das Verhalten des Subjekts bewertet: “Du solltest aber…”. “Es ist richtig zu…” Eine andere Möglichkeit, sich eine Vorstellung von der Funktion des großen Anderen zu machen, besteht im Anschauen von Spike Jonzes Film “Being John Malcovich”. Malcovich ist hier ein großer Anderer, der nicht im Subjekt quasi automatisch als Über-Ich spricht, sondern der vom Subjekt geradezu aufgesucht wird. Vielleicht, weil es, indem es die Perspektive Malcovichs auf die Wirklichkeit einimmt, eine Welt, eine Ontologie, d.h. Motive, eine Zeit etc. überhaupt erst findet?

2. Das Prinzip Übertragung und Gegenübertragung. Der Analysand  spricht über seine Wahrnehmungen, Probleme etc zum Analytiker.  Dieser nimmt das Erzählte auf, reagiert darauf mit seinem eigenen  Unbewussten und muss nun seine eigenen Reaktionen darauf erkennen  und analysieren. Erst wenn er dies getan hat, kann er “seinen  Anteil” aus der Version des Gehörten, die bei ihm entstanden ist,  subtrahieren und erhält dann das, was der Analysand ihm übertragen  hat; also die Übertragung. Ist das richtig?

Ja, genau.

3. Was ist damit gemeint, dass im Habitus eine kulturelle Zeit entsteht?

Eine Vorstellung von Zeit, Zeitabläufen, Zeitrythmen. Denken Sie etwa an den Kula: Die Kula-Treibenden leben in einer Welt, deren Zeitrythmus vom Kula bestimmt ist: Man gibt eine Kette, damit entsteht eine Zeit, in der man auf die Gegengabe wartet. Diese Zeit ist angefüllt mit der Vorbereitung der Kulareise, ihrer Durchführung. Dann beginnt mit dem Erhalt der Gabe wieder eine neue Zeit: die Zeit, an deren Ende man etwas zurück geben muss etc. Oder denken Sie an unser Weihnachtsfest, die Einteilung der Zeit in Semester/Semesterferien. Alle diese Zeiten existieren nur für diejenigen, die in einer Ontologie leben, in der es die entsprechenden, Zeiträume schaffenden Momente gibt. Mit anderen Worten: es gibt diese Zeiten nur für diejenigen Menschen, die einen entsprechenden Habitus (im Sinne von Bourdieu) haben.

Schöne Grüsse.

admin, zuletzt bearbeitet am 25. Mai 2009 um 19:55

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