Call for Papers: Naturphänomen Pop

Mit  Johannes Springer und Thomas Dören bereite ich die Herausgabe eines Sammelbandes zum Themenfeld Natur in der Popkultur vor. Hierfür bitten wir um Vorschläge für Beiträge.
Exposé: Im Rückblick auf das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zeigen sich Charakteristika dieser Zeit, die im alltäglichen Erleben als Selbstverständlichkeiten erscheinen. Einen solchen Topos unserer Zeit bildet zweifellos »die Natur«. In enormer Massierung fanden in den vergangenen Jahren symbolische Einschreibungen in Natur von thematisch andockender Literatur, Musik, Bild-Medien und anderen sozialen und kulturellen Aktivitäten und Bewegungen statt.
So wie Vollbärte zum reflexiven Spiel mit Natürlichkeit und Männlichkeit eingesetzt wurden, improvisierende Schwarmkollektive in kanadischen Wäldern hypnotischen Free-Jazz entwickelten, “countercultural counterurbanisation” wieder drängender auf die (Forschungs-) Agenda trat, »Natur« als sonische Ressource Inflation hatte und Wandern zum Fanzine-Thema avancierte, konnte auch im Feld der Popkulturproduktion und -beobachtung ein augenfälliger Zug hin zur »Natur« festgestellt werden, wie sämtliche gesellschaftlichen Bereiche von diesem Impetus erfasst zu sein scheinen.
Exemplarisch zeigt sich dies im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften. Erklärungsmuster, die durch soziale Kategorien bestimmt sind, werden zunehmend durch »natürliche« abgelöst. So wandelten sich etwa die Vorstellungen vom Menschen von seiner Auffassung als sozialem Wesen hin dazu, das Menschsein von der Bedürfnisbefriedigung her zu denken. Der noch die 90er Jahre in vielfältigen und widersprüchlichen Erscheinungsformen bestimmende poststrukturalistische Konstruktivismus (Foucault, Derrida, Lacan, Butler) ist heute weitgehend abgelöst – zum Beispiel durch die Akteur-Netzwerk-Theorie, die Akteure tendenziell substanzialisiert und das Soziale außerdem monadisiert. Anstatt die Motivationen von Individuen über ihre Identifikation mit sozialen Konventionen zu denken, werden diese heute – unter Überspringung eines vergleichbaren Mediums von kollektiver Gültigkeit – als Affekte begriffen. Entsprechend wird Vergemeinschaftung weniger über symbolische Ordnungen und stattdessen über animalisch-instinktive Verfahren wie beispielsweise das der Schwarmbildung gedacht. Das sind nur einige Beispiele für ein Dispositiv, um Michel Foucaults Begriff für die Zeichen einer Zeit zu gebrauchen: Die Begründung individueller, körperlicher, psychischer, aber auch kollektiver, sozialer, politischer, nicht zuletzt auch ökonomischer Verhältnisse.
Unserem Buchprojekt geht es darum, zu eruieren, welche popkulturellen Schneisen in den letzten Jahren hin zur »Natur« beziehungsweise durch das Dickicht der Naturalisierung geschlagen wurden. Pop scheint uns dabei als Parameter zur Auseinandersetzung mit dem Dispositiv »Natur« in besonderem Maße geeignet zu sein. Zeichnete sich Pop in den vergangenen 50 Jahren doch beständig durch eine interessante Doppelfunktion aus. Zum einen wirkte Pop als besonders feiner Seismograph, der gesellschaftliche Entwicklungen dadurch anzeigte, dass er sie in die Zuspitzung führte und überdeutlich ausstellte. Zum anderen entwickelte die Popkultur Alternativen; man denke hier etwa an die großen Popsubkulturen wie die Mods, die Hippies und Punk und ihre gegenkulturellen Weltartikulationen und Werte. Ermutigt durch irritierende Umgangsweisen mit »Natur«, etwa in der Literatur Dietmar Daths, in der Mode Cosmic Wonders, in den Fotografien Mark Borthwicks, in den musikalisch-sozialen Experimenten im Dunstkreis des “New Weird America” oder Jewelled Antlers, in Peter Coffins Installationen, in Filmen Ben Rivers’, Kelly Reichardts, Michel Gondrys, Spike Jonzes, Charlie Kaufmans, Kassettenlabels wie Sloow Tapes oder im Multimedia-Phänomen Will Oldham vermuten wir auch bezüglich des generellen Umgang des Pop mit »Natur« eine entsprechende Doppelfunktion. Und entsprechend: einen besonders vielschichtigen, eigenwilligen und komplexen Umgang mit dem Phänomen.

Hier das ausführliche Exposé. Bitte weiterreichen. Bei Interesse bitte melden.

jochen, zuletzt bearbeitet am 8. Februar 2010 um 12:42

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