Mit Begriffen Gegenstände… begreifen

Man wird nicht immer SO verstanden, wie man es möchte.
In einem diese Woche auf hsozkult veröffentlichten Tagungsbericht zu “Theorien des Populären” heisst es über meinen Beitrag: “JOCHEN BONZ (Bremen) betonte gleich zu Beginn seines Vortrages, der das Populäre bewusst skizzenhaft umkreiste, dass er im Unterschied zu Diederichsen Populärmusik als Beispiel und nicht etwa als Gegensatz für Populärkultur sieht. Anstatt in seinen neun Überlegungen zu einem Forschungsansatz von einer Großtheorie auszugehen, zeigte er Motive und Formen des Populären anhand von popmusikalischen Beispielen.”
Im Gegensatz zu dieser Darstellung hatte ich eigentlich vorgehabt, von einer auf soziologischer (Systemtheorie, Stäheli) und Pop-Theorie (Laing) basierenden Annahme auszugehen - das Populäre sei das, was in der partikularisierten spätmodernen Gesellschaft Verbindungen schaffe zwischen auseinanderstrebenden Teilen; in systemtheoretischer Begrifflichkeit: populäre Semantiken erzeugen Inklusion. Von Stäheli griff ich ausserdem die Idee auf, dass dies über Affekte funktioniere. Hieraus leitete sich die Fragestellung des Vortrags ab: Was heisst eigentlich “affektiv” im Zusammenhang mit Pop?
Die Beantwortung dieser Frage ging ich mit Hans-Otto Hügels Vorschlag an, das Populäre als Prozess beziehungsweise als Beziehung zu begreifen. Als Beziehungen zwischen Rezipient und Rezipiat, wie er formuliert. Zwei solcher Beziehungen zeigte ich auf, die man einfach als für Pop klassisch bezeichen muss: (1) Die Wahrnehmung des Populären im Rahmen von Subkulturen; das Beispiel war hier die Homologie von Hippie-Musik mit Vorstellungen, Werten, Praktiken der Hippies. (2) Die imaginäre Identifkation mit einem idealisierten Selbstbild; das Beispiel war hier Michael Jackson, der nicht nur Objekt solcher Bezugnahmen war, sondern diese Identifikationsform auch in sich selbst zum Ausdruck brachte.
Von Beiden unterschied ich eine dritte Beziehungsform, die unbenannt blieb beziehungsweise mit Roland Barthes auf Bezeichnungen wie “Rauheit” und “Genogesang” gebracht wurde. Und hierfür gab es dann tatsächlich einen Block mit Beispielen von Rap-Stimmen: Grand Puba, Method Man…
Und die Zusammenfassung des Vortrags fand ebenfalls in Musikform statt. Ein Track von Justice, live in den USA aufgenommen, konnte alles sagen.
Warum sage ich das an dieser Stelle (noch einmal)? Zum einen, weil ich wohl gerne verstanden werden möchte. Zum anderen, weil es mir nicht darum ging, anstatt von Theorie von Gegenständen auszugehen. Wofür ich plädiere ist, Gegenstände ernst zu nehmen und sie mit einem undogmatisch gehandhabten Begriffsinstrumentarium zu analysieren.
Ohne Begriffe, ohne Theorien verstehen wir nichts. Und ich vermute, dass die Rezensenten der Tagung meinen Vortrag wenig verstanden, weil ihnen die von mir gebrauchten Begriffe wenig sagten. Oder weil das Affektive sich schlecht sagen und verstehen lässt? (Ich erinnere hier gerne an einen Schwächeanfall Ernesto Laclaus bei der Bremer Lacan-Tagung vor ein paar Jahren. Er erlitt ihn, als er “das Reale” im Sinne Lacans zu definieren versuchte; kein Witz!)
Oder weil ich nuschelte.

jochen, zuletzt bearbeitet am 19. Februar 2010 um 18:10

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