Vuvuzela
Mit „Die Vuvuzela liefert den Soundtrack dieser WM“ ist gestern ein im WM-Sonderteil der SZ veröffentlichter Text Ronny Blaschkes untertitelt, der über den Hersteller dieses Blasinstruments informiert; darüber, wie er darauf kam; und freilich auch darüber, dass viele WM-Zuschauenden von diesem Soundtrack entnervt seien. Am selben Tag geht Markus Völker auf den WM-Seiten der taz sowohl in der Verteidigung des Vuvuzela Sounds („Die Tröte gehört zu Fußball-Südafrika wie der Madenpicker zum Nashorn.) wie auch in der Charakterisierung des Sounds als nervenaufreibend weiter: „Im Feldversuch fühlt man sich beim Besuch eines Vuvuzelakonzerts, als wäre man in ein Blechfass eingesperrt, auf das ein Dutzend Leute mit Schraubenschlüssel einschlägt.“
Die hier zum Ausdruck kommende Gewaltsamkeit entspricht nicht unserer Erfahrung: Vor dem Fernseher klingen die WM-Spiele eher wie ein Insektenschwarm, aus dem einzelne Töne herausragen - besonders lautes Tröten, aber auch Beifall und kollektive Aufschreie und nicht zuletzt auch die Kommentatorenstimme.
Wendet man auf diesen Soundtrack das begriffliche Instrumentarium der Sound Studies an, ergibt sich folgende Aussage. Zunächst lässt sich der Soundscape der WM mit der von Augoyard und Torgue in »Sonic Experience. A Guide to Everyday Sounds« vorgeschlagenen Begrifflichkeit als Ubiquity-Effekt begreifen. „[I]t comes from everywhere and nowhere at the same time.“ In seiner Allgegenwärtigkeit verstehen Augoyard und Torgue ihn zum einen als räumlichen Klang. Man könnte das übersetzen in: Der Sound schafft einen Raum. (Für was? Für wen?) Zum anderen erkennen sie in ihm eine Machtbeziehung: „The uncertainty produced by a sound about ist origin establishes a power relationship between an invisible emitter and the worried receptor.“ Hier wird die Grenze meiner Anwendung des Ubiquity-Begriffs auf das Vuvuzela-Phänomen deutlich: Im Gegensatz zum klassischen Ubiquity-Effekt, der dadurch gekennzeichnet ist, dass der Urheber des allgegenwärtigen Klangs nicht in Erscheinung tritt, ist hier der Urheber ja sehr wohl… »erkennbar« wäre wohl zu viel gesagt, denn inwiefern nimmt der Urheber des Klangs für uns, die wir vor dem Fernseher sitzen, schon Gestalt an? Er bleibt ja anonym; und dennoch wissen wir: Es sind die Zuschauenden dort, im Stadion, und sicherlich insbesondere das südafrikanische Publikum, das dieses zugleich vielstimmige und monotone, an- und abschwellende Brausen mit der Vuvuzela verursacht.
Um dem Phänomen des Vuvuzela-Soundscapes analytisch noch näher zu kommen, hielte ich es für sinnvoll, noch eine Reihe anderer Begriffe zur Charakterisierung von Klangphänomenen auf ihn anzuwenden. Zumindest eine solche Anwendung möchte ich an dieser Stelle noch vorstellen; es handelt sich dabei um das Konzept des „dulugu ganalan“, des lift-up-over-sounding, das der bekannte Ethnomusikologe Steven Feld in seiner Arbeit bei den Kaluli im Regenwald von Papua-Neuguinea kennenlernte. Feld betont die hohe Relevanz, die Klängen im Regenwald zur Orientierung zukommt – man sieht ja nichts. Lift-up-over-sounding bezeichnet das momentane Hervortreten eines Geräusches aus dem Rauschen, das durch die Gleichzeitigkeit vieler Geräusche vorhanden ist. Ein längeres Zitat aus einem mit „Places Sensed, Senses Placed“ überschriebenen Text Felds, veröffentlicht in David Howes 2005 veröffentlichtem »Empire Of the Senses«-Reader.
“Kaluli transform these everyday encounters with acoustic-figure-grounds, extending their naturalness from the experience of the rainforest soundscape to their own vocal and instrumental music. Voices and rattles are made to »lift-up-over« like the trees of the forest canopy; sounds of drums and work tools are made to »lift-up-over« like tumbling waterfalls into swirling waterpools. These ideas are elaborated by Kaluli in musical practices favoring dense and layered cooperative singing or sounding that always avoids unison. To create a »lift-up-over-sounding«, voices or instruments or both must be in-synchrony while out-of-phase. To be »in-synchrony« means that the overall feeling is one of togetherness, of consistently cohesive part coordination in sonic motion and participatory experience. Yet the parts are also »out-of-phase«, that is, at distinctly different and shifting points of the same cycle or phrase structure at any moment, with each of the parts continually changing, even competing in degree of displacement from a hypothetical unison. Additionally, »lift-up-over-sounding« is created in timbre, by textural densification, through a layering of attacks, decays, and fades, of playful accelerations, lengthenings and shortenings. Of the fission and fusion of sound shapes and phrases. Musical parts that interlock, alternate, or overlap create a form of participation that blurs competition and cooperation, mirroring the larger Kaluli tendency toward tense egalitarianism in social activities ranging from speech and work to negotiation, transaction, and exchange.”
Dieses Zitat hat in seiner Länge etwas von der Zumutung, als die von Vielen der Vuvuzela-Soundscape empfunden wird, und vielleicht ist eine solche mögliche Wirkung des Zitats verknüpft mit der Aussage, die ich aus ihm herauslese. Wie das »lift-up-over-sounding« der Kaluli ist auch der WM-Soundscape durch eine Synchronizität, die nicht im Gleichklang ist, gekennzeichnet, dicht, textural, materiell, attackierend, nachebbend…: immer ähnlich klingend, aber nie gleich oder einheitlich. Feld erkennt in diesen Sound-Eigenschaften neben den Klangeigenschaften des Regenwaldes auch die Eigenschaften einer sozialen Gemeinschaft, die wesentlich egalitär ist. Diese kommt im »lift-up-over-sounding« zum Ausdruck. Man könnte auch sagen: Sie wird in ihm zum Ausdruck gebracht. Übertragen auf den WM-Soundscape: Was mit dem Vuvuzela-Sound nachdrücklich – im Medium Klang – in Erscheinung tritt, für uns, ist das afrikanische Publikum, die Gemeinschaft der dort eben nicht nur zuschauend Teilnehmenden. Der dort Anwesenden. Der Dortigen. Mit der Vuvuzela reklamieren sie für sich den Status eines Akteurs. Gerade so, wie man das in Europa von den Ultras sagen könnte, die ja auch gerade dadurch auf die Nerven gehen können, dass sie sich selbst feiern, indem sie ohne erkennbaren Bezug auf das Spiel agieren. Oft auch mit Gesängen, die zugleich so unbeweglich und dynamisch sind, wie der Vuvuzela-Soundtrack.
Vuvuzela – ein nachdrücklicher, weil enervierender Hinweis auf einen Akteur des Fußballgeschehens, ohne den der Fußball, ja, was eigentlich wäre? Besser: Ein nachdrückliches Einfordern von Wahrgenommenwerden durch einen Akteur, der sich im Vollzug, im Tun dieses Einforderns als Akteur / Gemeinschaft erst konstituiert. (Noch sehr provisorisch.)