Auszug aus Vortrag zur Remediatisierung Vashti Bunyans im New Weird America, Jahrestagung der GfM, Weimar 2010

… Das hier stattfindende Wiederentdecktwerden verstehe ich mit Bolter / Grusin als »Remediatisierung«. In der deutschsprachigen Medienwissenschaft erweiterte Andrea Seier den Begriff, indem sie ihn in die Nähe von Judith Butlers Verständnis von Reiteration / Perfomanz rückte. »Remediation« mag so eine Dialektik von Konstanz und Wandel anzuzeigen.
Hieran anknüpfend möchte ich im Folgenden unter Verwendung eines klassischen Konzeptes der britischen Cultural Studies, Paul Willis’ Begriff »Homologie«, einen Fokus auf Remediatisierungsprozesse weiterentwickeln, der die Verknüpfung von Was?-, Wie?- und Warum?-Fragen zugänglich machen soll, deren Analyse aus meiner Sicht die Aufgabe einer kulturanthropologischen Medienwissenschaft darstellt.
Das Konzept der Homologie adressiert, dass und „inwieweit besondere Gegenstände [...] dem Stil, den typischen Anliegen, Einstellungen und Gefühlen [einer] sozialen Gruppe entsprechen und diese reflektieren.“
Um das Nachvollziehen einer solchen Homologie geht es mir im Folgenden. Der »Gegenstand« Vashti Bunyan / Just Another Diamond Day lässt sich jedoch nicht einfügen in eine homologische Beschreibung des New Weird America, da eine solche Beschreibung gar nicht vorliegt. Stattdessen besteht mein Vorgehen im Weiteren darin, eine medientheoretische Fragestellung mit zwei kulturanthropologischen Fragestellungen zu verschränken: (1) Was wird von Just Another Diamond Day kommuniziert? (2) Welche Aussage über die Kultur des New Weird America lässt sich aus der dort stattfindenden, begeisterten Rezeption des Albums ableiten, wenn wir davon ausgehen, dass das New Weird America in Bunyans Musik etwas findet, das ihm entspricht? (3) Welche Rückschlüsse lassen die Reiteration Vashti Bunyans im New Weird America und die Ausstrahlung, der Erfolg des New Weird America, was, mit anderen Worten, sagt das deutliche Artikuliertsein dieser popkulturellen Phänomene über die Charakteristika der Kultur unserer Zeit im Allgemeinen? Inwiefern verbinden sich die Eigenschaften der fokussierten popkulturellen Phänomene mit vorliegenden Charakterisierungen der Kultur der Spätmoderne?
„All I ever wanted was a road without end…“ Mit dieser Aussage beschließt Bunyan ihren Song Wayward. Eigensinn kommt sowohl in der Story von Bunyans Leben zum Ausdruck, wie auch bei der Öffnung der black box, als welche sich das Album Just Another Diamond Day begreifen lässt. Nach Bruno Latour kommen beim Öffnen von black boxes die Akteure zum Vorschein, die sie ausmachen / aus denen sie sich zusammensetzt: Das zum Objekt gewordene Wissen / Handlungen von Menschen.
Was beim Öffnen von Bunyans Album in Erscheinung tritt sind Variationen dieses Themas: Skizzierte Stimmungen, Atmosphären, Eindrücke, Geschichten. Das Unterwegssein ist hier zugleich ein Ganz-Anderswo-Sein: bei Schwalben, Wellen, Booten, dem Mars, dem Herbst, im Matsch, im Seerosenteich. Nicht zuletzt mit diesem Wunsch anderswo zu sein auf den Fahnen, entsteigt Vashti Bunyan der black box als Vertreterin eines Stammes, der vielleicht mehr Fremdes an sich hat, als die bildlichen und sprachlichen Klischees, die von ihm kursieren (Love, Peace, etc.), glauben machen: Hippies.
Paul Willis, der Ende der 60er Jahre in einer englischen Mittelstadt eine mehrmonatige qualitative Sozialforschung unter Hippies durchführte, beschreibt die Hippies als durch diesen Wunsch gekennzeichnet – ganz anderswo zu sein. Er geht mit einem eigentümlichen Wissen einher: „machtloser Allwissenheit“.
„Im Grunde konnten sie nie glauben – schreibt Willis - dass die Welt real war; doch dazu waren sie keineswegs verdammt, sie begrüßten es als eine profunde Einsicht“, schreibt Willis. Als Wesen der Hippie-Kultur begreift er, dass sie die Wirklichkeit als einen „Zustand der ontologischen Unsicherheit“ erfahren. Dies wird von ihnen nicht etwa als identitätsbedrohende „ontologische Bodenlosigkeit“ im Sinne der Münchener sozialpsychologischen Schule Heiner Keupps verstanden, sondern als eine „Befreiung“, wie es bei Willis heißt. Willis Studie, die eine Vielzahl von Aspekten der Hippie-Kultur beschreibt, lässt sich als eine Phänomenologie „ontologischer Unsicherheit“ lesen: (1) die „verzweifelte Wichtigkeit des »Jetzt«“; (2) darin, das Alltägliche distanziert zu sehen; (3) Unverbindlichkeit: in Verabredungen, Liebesbeziehungen, überhaupt anderen Menschen gegenüber; (4) Vermeidung von Festlegungen, von Explikationen und von Eindeutigkeit in der verbalen Kommunikation; (5) Der Wunsch, ohne Schuldgefühle zu leben: Als Hippie konnte man – so Willis - „aufhören, sich anzustrengen. Man war aus dem Gefängnis der protestantischen Ethik befreit. Dies erzeugte ein tiefes Gefühl von Freiheit und Verständnis für die Dinge.“; (6) die Auswirkungen der Drogen seien – Zitat Willis - „wie das Durchstoßen durch eine Mauer – wie bei King Kong – die errichtet worden war, um die Illusion geistiger Gesundheit in der konventionellen Welt aufrechtzuerhalten. Den »head« kennzeichnete nicht so sehr, dass er Drogen nahm, sondern dass er sich auf der anderen Seite dieser symbolischen Mauer befand“.
Sämtliche der von Willis genannten Phänomene kennzeichnet, dass in ihnen abwesend ist, was im Sprachgebrauch der Lacan’schen Psychoanalyse DAS SYMBOLISCHE heißt: Eine Wirklichkeitsartikulation, eine Ordnung von Dingen / Werten, die sich in ihrer Funktionsweise mit dem strukturalistischen Sprachmodell als Verweisungszusammenhang beschreiben lässt und die in einem Subjekt, das auf sie festgelegt ist / das mit ihr identifiziert ist / ihr gegenüber verpflichtet ist, als Matrix wirkt, mit der es die Wirklichkeit wahrnimmt.
Die relative Abwesenheit der Medialität des Symbolischen in der Kultur der Hippies, die sich aus Willis’ Darstellung ergibt, verweist auf die bereits angesprochene Problematik der Mitteilbarkeit und Erinnerung des Hippietums an sich – seine nahezu ausschließliche Remediatisierung in der Form von Klischees. Jüngere gedächtnistheoretische Studien, die im Anschluss an Luhmann und Schmidt - und im Unterschied etwa zu Aleida und Jan Assmann – Erinnerung nicht länger als Wissensgegenstand, sondern als »Programm« oder modus operandus gewordene Ordnung des Wissens begreifen, ermöglichen, dies zu verstehen. „Das Gedächtnis“, heißt es zum Beispiel bei Thomas Khurana, „nimmt Bezug auf vergangene Momente, die auf einem impliziten Niveau in sinnhaften Vollzügen laufend unterstellt und mitgeführt werden.“
Dies bedeutet, falls keine sinnhaften Vollzüge unterstellbar sind, weil die Dimension des Symbolischen ausgesetzt ist, ist mit der Unmöglichkeit, ontologische Sicherheit zu erfahren, auch Erinnerung verunmöglicht. Der mediale Ort des Hippietums ist es, so betrachtet, im Jenseits des Symbolischen unspeicherbar / verloren zu sein. Bei Willis erscheint das Hippietum, mit Lacan gesprochen, als eine Kultur des Realen: eine „Ordnung der radikalen Unbestimmtheit“ (Dylan Evans): eine Welt flüchtiger Intensitäten, berauschender / beängstigender Objekte ohne Sinnzusammenhang, existenzielles Dasein jenseits der Kontinuität von Vergangenheit und Zukunft…. Entsprechend scheint mir entscheidend für die Remediatisierung Vashti Bunyans in der als Neo-Hippie-Kultur zu begreifenden Welt des New Weird America die auf »Just Another Diamond Day« stattfindende Akzentuierung des Realen zu sein. Sie macht sich an den zwei zentralen Aspekten des Albums fest: (1) Der Erzählung vom Unterwegssein / Verlorengehen, (2) dem Gesang, also der Art des Vorkommens der Stimme, die den strahlenden Kern dieser Musik bildet.

jochen, zuletzt bearbeitet am 28. September 2010 um 07:56

Martin

Vor ein paar Tagen habe ich Martin Büssers Antifolk gelesen und mich geärgert, wie ich mich oft über Texte ärgere. Dass sie borniert sind. Dass sie das Interessante uninteressant anschauen. Ich habe das Buch weg gelegt und stattdessen englischsprachige Texte zum selben Thema gelesen. Da ärgere ich mich weniger, weil ich sie weniger präzsie verstehe.

Jetzt erfahre ich, dass Martin gestorben ist, und bin ganz traurig.

Wir hatten, glaube ich nur zwei Zusammentreffen. Ein drittes, eine Diskussion, die wir über Techno und Lacan führen wollten, nachdem ich mich über eine Kritik, die er über ein Lacanbuch für testcard geschrieben hatte, … geärgert hatte, haben wir verabredet, aber nie realisiert.

Die beiden anderen Treffen: 1998 im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen. Schrecklich. Wir lesen beide aus unseren aktuellen Publikationen. Er ist charmant, beliebt und betrinkt sich mit Weißwein. Ich fühle mich unverstanden und bin hölzern.

Im Herbst 2008 in Wien bei einer kleinen Poptheorie-Tagung. Er hält den Vortrag nach mir, wenn ich mich recht erinnere, und bezieht sich freundlich auf mich. Wie immer fordert er eine Haltung ein, aber er ist offener dabei, als ich ihn in Erinnerung hatte.Das Interview, das er kürzlich Intro zum New Weird America gab, war ja auch freundlich und voller Haltung zugleich.

In Wien, wo wir offenbar beide und im Gegensatz zu den meisten anderen Beteiligten alleine abends unterwegs waren, liefen wir uns noch einmal nachts im Hotelfoyer über den Weg. Eine kurze, aber echte Begegnung, die nicht ohne Herzlichkeit war.

Mein Beileid gilt den Freundinnen und Freunden.

admin, zuletzt bearbeitet am 24. September 2010 um 09:53
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