Kultur als Medium

Jochen Bonz: Die Medialität der ‘Anderen’ - Überlegungen zu einem kulturanthropologischen Medienbegriff am Beispiel des lift-up-over-sounding der Kaluli (auch: Animal Collective, Björk etc.),
Vortrag am 15.06.2011, 19 Uhr, Schreyvogelsaal, Hofburg, Batthyanystiege, 1010 Wien
Institut für Theater, Film und Medien an der Universität Wien

jochen, zuletzt bearbeitet am 24. Mai 2011 um 21:30

Implikationen des Mimetic Turn im Bereich der Popkulturstudien

Jahrzehntelang war avancierte Popkulturforschung gleichbedeutend mit Subkulturforschung, wie insbesondere durch die wegweisenden Studien des Centre for Contemporary Cultural Studies dokumentiert ist (vgl. Hall u. Jefferson (Hg.) 1975, Hebdige 1979, Willis 1981). Im deutschsprachigen Raum stehen für diesen, hier ins Essayistische, auch ins Selbstreflexive gewendeten Ansatz, vor allem Arbeiten Helmut Salzingers und Diederich Diederichsens (vgl. Diederichsen 2002, Salzinger 2010).
Als Anfang der Nullerjahre der Subkulturbegriff in einer Reihe von Publikationen (Bennett u. Kahn-Harris (Hg.) 2004, Muggleton u. Weinzierl (Hg.) 2004) verabschiedet wurde, war innovative Subkulturforschung bereits zur Seltenheit geworden (z.B. Redhead et al. 1998). Auch die zeitgleich aufgekommenen, vermeintlich weniger essentialistischen und einen dynamischeren, an Praxistheorien orientierten Kulturbegriff gebrauchenden Forschungen, die den Begriff der Subkultur durch Szene ersetzten (vgl. Hitzler et al. 2005, 2008), konnten das Versprechen, eine Subkulturforschung neuen Stils hervorzubringen, nicht erfüllen: zu vorhersehbar sind ihre Ergebnisse ausgefallen. Dem zu Folge stecken möglicherweise zwar nicht die Subkulturen selbst, mit Sicherheit aber ihre wissenschaftlichen Beschreibungen seit Jahren in der Krise.
Parallel zu dieser Krise hat allerdings eine Forschungsrichtung interessante Ergebnisse hervorgebracht, die ebenfalls auf das CCCS zurückgeht – Angela McRobbies in den späten 70er Jahren begonnenen Studien zu Mädchen-spezifischen popkulturellen Rezeptionsmodi (vgl. McRobbie 1991). Der von McRobbie begründete Diskurs geht nicht länger von gegebenen Identifikationen aus, sondern beschreibt Identifikationsprozesse. Statt holistischer Kulturbeschreibungen bringt er die Beschreibung von Erfahrungsräumen hervor, in denen sich Subjekte als in Beziehung zu gesellschaftlichen Repräsentationen, zu Idealen, zu Vorstellungen erweisen – und sich in diesen Beziehungen erproben. Die australische Kulturanthropologinnen Geraldine Bloustien (2003) und Sarah Baker (2002) bezeichnen das Charakteristikum dieser flüchtigen Identifikationen mit Michael Taussig als trying otherness on for size. Neben den Mädchenstudien Bloustiens und Bakers lassen sich auch Jeremy Gilberts Reflexion auf seine eigene Fanbiografie mit The Velvet Underground (Gilbert 1999) sowie die gemeinsam mit Ewan Pearson entstandene Untersuchung zur Subjektivität im Kontext der House- und Techno Musik-Szene der 90er Jahre (Gilbert u. Pearson 1999) dem Diskurs des mimetic turn zuordnen.
In meinem Beitrag zu XXX würde ich nun erstens gerne den von McRobbie begründeten Diskurs des mimetic turn anhand der oben genannten Studien in seinen Untersuchungsgegenständen, Fragestellungen und Begriffen von mimetischer Identifikation nachzeichnen.
Zweitens würde ich Implikationen dieses Paradigmenwechsels skizzieren. Hier ist sicher besonders der veränderte Stellenwert der ehemals als hegemonial verstandenen symbolischen Ordnung interessant. Die so bezeichnete soziokulturelle gesellschaftliche Dimension erscheint im Paradigma des mimetic turn nicht unbedingt wandelbarer als im Paradigma des Poststrukturalismus, aber sie figuriert hier viel weniger zentral. Anstatt unhinterfragbar gegeben und gültig zu sein, erscheint sie nun schemenhaft (und oft auch bedrohlich) als Bezugspunkt, an dem Identifikationsvorgänge ausgerichtet sind; werden Ränder ihrer Gültigkeit beschrieben – oder sogar ein im Jenseits von ihr liegender kultureller Raum.
Vor diesem Hintergrund ginge es mir drittens um eine Interpretation der Popularität und Plausibilität des mimetic turn vor dem Hintergrund des von mir und anderen derzeit artikulierten Verständnisses von der Spätmoderne als einer Kultur des Zwischenraums symbolischer Ordnungen.
Schließlich ginge es um einen Ausblick: Die Skizzierung von Desideraten, die sich aus dem mimetic turn ergeben.

Bibliografie (Auswahl)

Baker, Sarah 2002: „Rock on, Baby!“ An Exploration Of Pre-Teen Girls’ Negotiations Of Popular Music And Identities, in Kärki, Kimi / Leydon, Rebecca / Terho, Henri (Hg.): Looking Back, Looking Ahead. Popular Music Studies 20 Years Later (IASPM Kon- ferenz, Turku 2001), IASPM-Norden, S. 225-229.
Bennett, Andy und Keith Kahn-Harris 2004 (Hg.): After Subculture: Critical Studies in Contemporary Youth Culture, Hampshire und New York: Palgrave Macmillan.
Bloustien, Gerry 2003: Girl Making. A Cross-Cultural Ethnography On The Process Of Growing Up Female, New York und Oxford: Berghahn Books.
Diederichsen, Diedrich 2002 (1985): Sexbeat – 1972 bis heute, Köln: Kiepenheuer und Witsch.
Gilbert, Jeremy 1999: White Light / White Heat. Jouissance Beyond Gender In The Velvet Underground, in Blake, Andrew (Hg.), Living Through Pop, London und New York, S. 31-48.
Hebdige, Dick 1979: Subculture. The Meaning Of Style, London und New York: Routledge.
Hitzler, Ronald / Bucher, Thomas / Niederbacher, Arne 2005 (2001): Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute, Wiesbaden: VS Verlag.
Hitzler, Ronald / Honer, Anne / Pfadenhauer, Michaela (Hg.) 2008: Posttraditionale Gemein- schaften. Theoretische und ethnografische Erkundungen, Wiesbaden: VS Verlag.
McRobbie, Angela 1991: Feminism And Youth Culture. From »Jackie« To »Just Seventeen«, Boston: Unwin Hyman, S. 1-15.
Muggleton, David und Rupert Weinzierl 2004 (Hg.): The Post-Subcultures Reader, Oxford: Berg.
Redhead, Steve, Derek Wynne und Justin O’Connor, Justin (Hg.) 1998: The Clubcultures Reader: Readings in Popular Cultural Studies, Oxford and Malden: Blackwell.
Salzinger, Helmut 2010: »Best of Jonas Überohr. Popkritik 1966 - 1982« (herausgegeben von Frank Schäfer), Hamburg: Philo Fine Arts (FUNDUS 187)

admin, zuletzt bearbeitet am 9. Mai 2011 um 15:42
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