Subjekte des Tracks

Auf der Grundlage einer qualitativen empirischen Forschung analysiert die Studie die Kultur, die sich in den Neunzigerjahren rund um Popmusikformen wie House Music und Techno entwickelte: die Kultur des Tracks. In einer vielschichtigen und lebendig ausgeführten Darstellung ihrer Tiefenstrukturen gelingt auch der Beleg des hohen Erklärungswerts eines kulturgeschichtlich reflektierten ethnologischen Kulturbegriffs.
Die Studie orientiert sich an den britischen Cultural Studies, ihr Gegenstand unterscheidet sich allerdings deutlich von klassischen Subkulturen wie Hippies und Rockern, Mods oder Punks. Die postmoderne / andere Subkultur ist keine Gegenkultur; weder geht sie aus der Negation der Werte einer hegemonialen Kultur hervor, noch ist sie auf die Etablierung einer alternativen Objektwelt gerichtet. Ihr Wesen besteht darin, produktiv mit dem fundamentalsten Zug der Gegenwartskultur umzugehen – der prinzipiellen Unverbundenheit des Individuums mit Wissensgegenständen und Werten von kollektiver Gültigkeit.
Während die spätmoderne Gesellschaft diese Kluft zugleich leugnet und von ihren Effekten tief erschüttert ist, gestaltet und nutzt die Kultur des Tracks sie für Bewegungen der Subjektivität zwischen flüchtigen narzisstischen Identifikationen und Sich-Verlieren. Mit dem Mittel der sie kennzeichnenden ungeheuren künstlerischen Kreativität produziert sie darüber hinaus eine spezifische Form verbindlichen Wissens.
Als begriffliches Instrumentarium der Studie fungieren Konzeptionen der strukturalen Psychoanalyse Jacques Lacans.
Konkrete Untersuchungsgegenstände bilden u.a. die Figur Christian Krachts in Tristesse Royale, Interviews mit Hans Nieswandt über SPEX und Whirlpool Productions, Beobachtungen an der Praxis des Heidelberger Musikers David Moufang, die Musik Larry Heards, David Toops Begriff von Ambient und der Stil der Musikbesprechungen in der Zeitschrift De:Bug.
„Auch bei längerem Nachdenken fällt mir keine Dissertation ein, die mich in meinem Selbstverständnis derart herausgefordert hätte.“
Wolfgang Emmerich
“Jochen Bonz hat eine theoretisch bezugsreiche und anspruchsvolle, gut lesbare und prägnant argumentierende Studie geschrieben, hinter deren Reflexionsniveau die Subkulturforschung in der Europäischen Ethnologie, und in den Kulturwissenschaften allgemein, nicht zurückfallen sollte.”
Moritz Ege in einer ausführlichen Rezension von Subjekte des Tracks in der Zeitschrift für Volkskunde 2009/II, S. 339.
4 Kommentare »
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Dennoch: Kann man heute noch von Subkulturen sprechen?
Von Subkultur zu sprechen, also KULTUR ins Spiel zu bringen, erscheint mir deshalb sinnvoll, weil hier ja etwas Subjektkonstitutives beschrieben wird. Und das Subjektkonstitutive, das ist das Kulturelle. Mit dem SUB habe ich auch Schwierigkeiten. Man darf es eben nicht als Subversion lesen wollen, sondern lediglich die Bezugnahme einer kulturellen Formation auf eine andere, ihr vorausgehende, darin sehen.
Ihre Dissertation hat mich sowohl als Studentin von Kultur als auch als leidenschaftliche “housedance” Aktivistin sehr beeindruckt. Danke für die frischen Gedanken! Jeanne
Geehrter Herr Bonz,
ausgehend von ihrem Gespräch auf Bayern2, hinführend auf ihr Buch und mündend in den Titel einer Ausstellung “Tracks”. Das ist gewissermaßen die kausale Kette, die mich nunmehr mit ihnen verbindet. Dafür ein fröhliches Danke.
Gern möchte ich sie zur Erläuterung des Ganzen auf meine aktuelle Ausstellung in Köln hinweisen. (http://www.walderdorff.net/ewg.htm)
Vielleicht haben sie Zeit für eien Besuch.
Herzliche Grüße aus München
TT