Atmosphäre
Vom Text zur Atmosphäre. Eine kulturtheoretische Studie an der Gegenwart
Als Roland Barthes in den späten 70er Jahren dem „Wunsch, über Photographie zu schreiben“, nachgab, fühlte er sich, wie er schreibt, „hin und her gerissen“ zwischen verschiedenen sprachlichen Ausdrucksformen. Besonders die wissenschaftlichen Terminologien, die er in den Jahrzehnten zuvor bravourös auf so verschiedene ästhetische Phänomene wie die Literatur, die Mode, Werbetexte und Vieles mehr angewandt hatte, erschienen ihm jedoch ungenügend. „(J)edesmal, wenn ich einen kleinen Schritt in diese Richtung tat, fühlte ich eine Sprache aufkommen, die gleichsam auf die Reduktion und Zurechtweisung zuglitt, und behutsam gab ich sie wieder auf und suchte anderswo“. Als alternatives „heuristisches Prinzip“ beschloss er deshalb, von „einigen ganz wenigen Photographien auszugehen, jenen, von denen ich sicher war, dass sie für mich existierten. Nichts von einem Korpus: nur einige Körper. In diesem letztlich konventionellen Widerstreit zwischen Subjektivität und Wissenschaftlichkeit kam mir die eigenartige Idee: warum sollte nicht etwas wie eine neue Wissenschaft möglich sein, die jeweils vom einzelnen Gegenstand ausginge?“ Aus Barthes Entscheidung für „Einzigartigkeit“ und Subjektivität ist bekanntlich ein Text entstanden, der bis heute als einer der anregendsten kulturwissenschaftlichen Texte gilt, nicht nur im Bereich der Fotografietheorie.
Mir erscheint Barthes’ Ansatz heute so wichtig wie damals. Heute, zu einer Zeit, in der wissenschaftspolitisch die Disziplinen in einem bislang ungekannten Maße gestärkt werden, obwohl die zeitgenössischen gesellschaftlichen Phänomene ganz offensichtlich interdisziplinärer Natur sind, kann Barthes als Bezugspunkt für eine andere Wissenschaftlichkeit dienen, deren Kennzeichen es sind, (1) nicht um Disziplinen, ihre tradierten Terminologien und diese ergänzende Diskursmoden zu kreisen, sondern um Gegenstände aus der zeitgenössischen Wirklichkeit; (2) aus den Gegenständen selbst Begriffe herzuleiten anstatt Begriffe über die Gegenstände zu legen (beziehungsweise: Begriffe an den Gegenständen zu erproben anstatt die Gegenstände in einem Begriff verschwinden zu lassen); (3) bei diesem Vorgehen die Subjektivität, die im wissenschaftlichen Arbeiten zwangsläufig immer enthalten ist (die Frage ist lediglich: wie?), nicht zu leugnen, sondern sie zur Erforschung der Fragestellung / des Gegenstandes zu nutzen.
Mit der vorliegenden Studie unternehme ich den Versuch, eine Forschung zu realisieren, die den genannten Punkten verpflichtet ist – und die Barthes entsprechend Einiges schuldet.
Die vorliegende Studie hat mehrere Gegenstände und ein Thema: die Gegenwartskultur, wie sie sich in einigen Phänomenen aus dem Bereich der Ästhetik populärer Kultur darstellt. Die Studie knüpft damit an meine vorausgegangene Untersuchung über die Kultur der Techno- und House Music-Szene an. Zugleich unterscheidet sie sich in einem wesentlichen Punkt aber auch deutlich von ihr: »Subjekte des Tracks« begriff Gegenstände – wie etwa die Interviewaussagen von DJs, die Rhetorik schriftlicher Musikkritiken, Überlegungen von Musikern, grafische und musikalische Artikulationen aus dem Untersuchungsfeld – im Paradigma der klassischen Ethnologie und der britischen Cultural Studies der 70er Jahre als homologe Momente einer spezifischen Subkultur. Dieser Auffassung entsprechend zeigt sich in denjenigen Aspekten, die sich durch die verschiedenen Gegenstände hindurch ziehen, das Wesen einer Kultur – das, was sie im Innersten zusammenhält. Eine Musikgruppe, eine Zeitschrift etc. fungieren in »Subjekte des Tracks« deshalb analog zu den Kula-Muschelketten in Bronislaw Malinowskis Analyse der Kultur der Trobriander oder einzelnen Mythen und Masken in Claude Lévi-Strauss’ strukturaler Anthropologie. Das »Ganze« lässt sich von ihnen her entfalten; der „Bedeutungszusammenhang“ der Kultur wird „auf synekdochische Weise rekonstruiert“.
Im Gegensatz hierzu geht es mir in der vorliegenden Studie nicht um eine derartige holistische Rekonstruktion einer Teilkultur. Ebenso wenig geht es mir aber auch um die theoretische Ausarbeitung der Begriffe einer zeitgenössischen Ästhetik, auch wenn ich stark auf Gernot Böhmes Auseinandersetzung mit dem Begriff der »Atmosphäre« referiere.
Der Ansatz der Studie ist es vielmehr, einzelne Gegenstände aus der Praxis zeitgenössischer populärer Ästhetik heraus zu greifen und sie daraufhin zu befragen, welche Subjektpositionen und Ontologien sich in ihnen artikulieren. Ich verstehe die Ästhetik des Populären somit als eine gesellschaftliche Sphäre, in der die zeitgenössische Kultur, die ich dem Sprachgebrauch der Sozialwissenschaften folgend als »spätmodern« bezeichne, in einigen ihrer Spezifika zum Ausdruck kommt.
Aspekte der Kultur der Spätmoderne nehmen in diesem Vorgehen nicht in der für sozialwissenschaftliche Forschungen üblichen Weise in der Form von Interviewaussagen von Gesprächspartnern oder in der Form einer ethnografisch, in Teilnehmenden Beobachtungen erschlossenen Situation Gestalt an, sondern in der Ästhetik. So hat meine Untersuchung einen Film, einige Texte sowie Musik, welche die Position der Rezeption in unterschiedlicher Weise bereits enthalten oder sogar ausdrücklich thematisieren, zum Gegenstand.
Das von mir bei der hermeneutischen Auseinandersetzung mit diesen Gegenständen, bei den an diesen Gegenständen vorgenommenen Lektüren verfolgte Ziel besteht genauer darin, Beobachtungen in einem Bereich zu machen, der sich gegen die Beobachtbarkeit und gegen das Ausgesagtwerden sperrt, sich aber im Reflexionsmedium ästhetischer Erscheinungen sehr wohl ausgedrückt findet: zeitgenössische Wahrnehmungsweisen der Wirklichkeit; Erscheinungsformen der Artikulation von Subjektivität; Kulturtechniken, deren kultureller Ort nicht in, sondern vor oder zwischen Bedeutungszusammenhängen liegt. Die ästhetischen Besonderheiten, die meine Untersuchungsgegenstände kennzeichnen, verstehe ich entsprechend als Ästhetiken beziehungsweise Kulturtechniken, derer es an diesem Ort, dem Ort des Dazwischen, bedarf. Hier werden sie produktiv. Mein Interesse gilt damit sowohl den Artikulationen des Dazwischen, wie sie in Phänomenen der populären Kultur vorliegen, an sich; als auch den jeweiligen Mitteln der Artikulation. In dieser Doppelfragestellung ist die in den Untersuchungsgegenständen enthaltene Dopplung begründet: ästhetische Phänomene darzustellen, die selbst die Rezeption ästhetischer Phänomene thematisieren.
Der Begriff des »Dazwischen« oder auch »Zwischenraums« wurde im Kontext der Postcolonial Studies von Homi Bhabha geprägt. Ich greife die Begrifflichkeit aus diesem Kontext heraus, um schließlich zu einer Aussage über die spätmoderne Kultur im Allgemeinen zu kommen. In diesem Vorgang verändert die Bezeichnung »Zwischenraum« ihre Bedeutung. Inwiefern, wird in den folgenden Kapiteln deutlich. Grundlegend verstehe ich den Zwischenraum jedoch als gekennzeichnet durch die „ontologische Bodenlosigkeit“, die etwa Heiner Keupp als einen Grundzug der Spätmoderne begreift.
Die im Folgenden beschriebenen Phänomene zeigen die ontologische Instabilität der Gegenwartskultur als Identitätskrisen an. Darüber hinaus ereignen sich die beschriebenen Gegenstände offensichtlich auch in einer entsprechenden Situation. Sie operieren in ihrem Bereich und künden damit von spezifischen Formen der agency, wie sie in der Situation »ontologischer Bodenlosigkeit« vorliegen können. Insofern sind meine Untersuchungsgegenstände schließlich als Erscheinungen zu verstehen, die verdeutlichen, dass sich in der Spätmoderne ein Kulturwandel vollzieht. Wie deutlich werden wird, führt dieser Wandel von einer »referenziell« operierenden Kultur zu einer »performativen« oder, wie ich vorschlagen möchte: »atmosphärischen« Kultur. Deutlich wird an den Untersuchungsgegenständen darüber hinaus auch, dass sich dieser Wandel in sensiblen gesellschaftlichen Bereichen bereits realisiert hat. Nicht zuletzt, weil sie mir in diesem Sinne als in besonderem Maße sensibel erscheint, stammen die Untersuchungsgegenstände der Studie aus dem Bereich der populären Kultur. Die Gültigkeit meiner Aussagen über die Sphäre des Populären hinaus steht für mich außer Frage.
Ein weiterer Grund, weshalb das Populäre im Zentrum dieser Untersuchung steht, ist freilich, dass ich mich mit ihm auskenne. Es handelt sich beim Pop um eine Entsprechung zu Barthes’ Fotografie, meine Entsprechung zu Malinowskis Trobriandern.
Stand: Wurde im April 2010 an der Universität Bremen als Habilitation eingereicht.
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