Entäußerung / Atmosphäre

Vom »Text« zur »Atmosphäre«. Kulturtheoretisch-ästhetische Fallstudien an Entäußerungsformen der zeitgenössischen Popularkultur

Die Studie vollzieht an mehreren Gegenständen aus dem Bereich der Ästhetik populärer Kultur nach, wie diese eine Vorstellung von der Wirklichkeit als einem Bedeutungszusammenhang, der sich wie ein Text lesen lässt, auflösen. In den Spezifika ihrer Ästhetik vollziehen die beschriebenen Gegenstände darüber hinaus alternative Verfahren der Generierung von Bedeutung. In diesen Verfahren des Signifizierens führen sie auch eine Vorstellung von einer Kultur mit sich, die sich als ein zur »Kultur als Text« alternatives Paradigma der Verfasstheit von Kultur verstehen lässt: Sie ist nicht länger von der Gültigkeit einer symbolischen Ordnung und auch nicht vom Identifikationsmodus des Symbolischen bestimmt, sondern vom Nebeneinander symbolischer Ordnungen, durch die sich die Subjekte dieser Kultur sowohl synchron als auch diachron hindurch bewegen. Deren eigentliche Subjektposition liegt damit im Dazwischen der symbolischen Ordnungen. Die zeitgenössische westliche Gesellschaft, wie sie in meinen Untersuchungsgegenständen zum Ausdruck kommt, bildet eine Kultur des Zwischenraums.
Die an den ästhetischen Phänomenen getroffenen Beobachtungen greifen umstandslos ineinander mit aktuellen theoretischen Beschreibungen der Gegenwartskultur bei Homi Bhabha, Matthias Waltz und Slavoy Zizek. Gemeinsam berühren die Überlegungen dieser Autoren und meine Beobachtungen die in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskussion bislang wenig aufgegriffene sozialpsychologische Charakterisierung der Gegenwart als gekennzeichnet durch die Depression als neuer Volkskrankheit. Bourdieu formuliert diesen Zusammenhang präzise: Sind Wahrnehmung und Handlung eines Individuums nicht von einer Identifikation mit einer symbolischen Ordnung ausgerichtet – in Bourdieus Begriffen: von einem »Habitus« –, so bewegt sich der Mensch im Bereich der Depression.
Vor dem Hintergrund, unsere Kultur als eine der Depression zu verstehen, entwickelt die Studie in der Auseinandersetzung mit Spike Jonzes / Charlie Kaufmans Film »Adaptation«; an der Herausschälung der in der Literatur eines der angesehensten deutschsprachigen Gegenwartsautoren, Rainald Goetz, repräsentierten Subjektposition; an der Anfang der 90er Jahre in der Popmusikzeitschrift SPEX zum Ausdruck kommenden Kultur sowie mit dieser eng verbundenen Überlegungen bezüglich ästhetischer Verfahren wie dem Groove und dem Sampling ein Argument. Für dieses Argument hat sich im Zuge seiner Ausarbeitung die Bezeichnung »Entäußerung« zunächst aus der Beschäftigung mit Goetz’ von Punk geprägtem Frühwerk ergeben. Im Weiteren erwies sich Entäußerung dann als Schlüsselbegriff, auf den sich ebenfalls die Identifikationsbewegung in »Dekonspiratione« und darüber hinaus auch die Funktionsweise des Samplings bringen ließ. Ergänzend zeichnete sich von Fallstudie zu Fallstudie außerdem immer deutlicher ein Begriff von »Atmosphäre« zur Bezeichnung der Bedeutung generierenden Funktionsweisen der Kultur des Zwischenraums ab.

Stand: Wird im Frühjahr 2010 an der Universität Bremen als Habilitation eingereicht.

jochen, zuletzt bearbeitet am 1. März 2010 um 19:49

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