Das ungewöhnliche Buch

Jetzt erschienen, Holger Schulzes (Hg.) Gespür, Empfindung, kleine Wahrnehmungen - Klanganthropologische Studien (Sound Studies Vol. 3, Bielefeld: transcript). Ein Sammelband, der Überlegungen präsentiert und Beispiele aufzeigt, wie sich die kulturwissenschaftliche Forschung der Wirklichkeit mittels Sinnesempfindungen nähern könnte. Und kann. Ein ungewöhnliches Buch, in dem mein Beitrag über die Übertragungsbeziehung aus dem Rahmen fällt, weil er vergleichsweise wenig subjektiv erscheint. Erstaunlich und interessant.

admin, zuletzt bearbeitet am 3. Februar 2012 um 14:21

Diskussionsveranstaltung Fußballfans am 16.2.

Das Fan-Projekt Bremen und der Kreisverband Mitte Östliche Vorstadt Bremen von Bündnis 90/Die Grünen veranstalten ein Hearing zum Thema Fußballfans am 16. Februar von 18.00 bis 22.00 Uhr im Ostkurvensaal des Weserstadions. Eingeladen sind Klaus Farin (Archiv der Jugendkulturen), Gregor Rosenthal (Bündnis für Demokratie und Toleranz) aus Berlin, Marion Kowal (Koordinationsstelle Fanprojekte) aus Frankfurt, Holger Münch (Staatsrat Senator für Inneres), Matthias Güldner (Fraktionssprecher B90/Grüne), Rainer Zottmann (Leiter der Einsatzsteuerung bei der Polizei Bremen) und Fanvertreter.

admin, zuletzt bearbeitet am 3. Februar 2012 um 13:58

Gesammelte Abstracts

Die folgenden Abstracts zu Vorträgen sind in den letzten Wochen auf einem Schreibtisch, der hinter diesem Blog liegt, entstanden.

Für eine Popkulturtagung an der Universität Kiel:
Das Popkulturelle als Zwischenraum der Subjektivierung

Mein Vortrag geht von impliziten Grundannahmen der Popkulturforschung aus, die ich für fundamentale Irrtümer halte. Bei dem ersten Irrtum handelt es sich um die Annahme, popkulturelle Gegenstände kommunizierten ihren Rezipienten prinzipiell Bedeutungen; die Beziehung zwischen popkulturellem Artefakt und Rezipient sei zuvorderst semantischer Art. Der zweite Irrtum liest sich dramatischer und absurder, als es von mir gemeint ist. Er besteht darin, überhaupt von einem rezipierenden Subjekt auszugehen.
Wie ich an Beispielen aus einer ethnografischen Studie über House Music und ergänzende popkulturelle Beispiele aus einer Studie, die sich hieran anschloss (vgl. Bonz 2011), veranschaulichen möchte, besteht die Beziehung zwischen popkulturellem »Text« – um die in den Cultural Studies gebräuchliche Bezeichnung für den Gegenstand, das Objekt, zu gebrauchen – und rezipierendem Subjekt stattdessen in einem Angezogensein und Verwickeltwerden des Subjekts durch den Gegenstand. Gerade in diesem Verwickeltwerden entsteht, in einem Entäußerungsvorgang, ein Subjekt.
Der Begriff, den mein Vortrag vom Popkulturellen als solchem vorschlägt, ist deshalb das Dazwischen-des-Identifiziertseins – ein „Meer des dottrigen Genießens“, in dem „die symbolische Ordnung … auf den Status flottierender Signifikanteninseln reduziert“ erscheint (Slavoy Žižek über einen anderen Gegenstand, 1997 (1992) in Mehr-Genießen, Wien: Turia + Kant, S. 70). Den gesellschaftlichen Ort und den Stellenwert dieses eigentümlichen Kulturellen des Pop mit Bezug auf etablierte Konzeptionen des sozialwissenschaftlichen Diskurses anzugeben und den hier vorgeschlagenen Pop-Begriff in einer kulturtheoretischen Perspektive auf die zeitgenössische Gesellschaft zu vertäuen, führt mich abschließend (freilich) dazu, in der Popkultur so etwas wie das unheimliche Zentrum der Gegenwartskultur zu erkennen.

Für ein Panel der AG Popularkultur und Medien auf der GfM-Tagung zum Thema Spekulationen im Herbst in… Frankfurt:
Popkulturelle Erfahrungsräume des Utopischen

In jüngster Zeit ist ein Verständnis von Pop aufgekommen, das zwischen einer vergangenen und einer zeitgenössischen Variante des Pop auf der Ebene der Erscheinungsformen subjektiver Bezugnahme auf popkulturelle Objekte unterscheidet: Früher sei man durch Popmusik sozialisiert worden; heute fungiere sie als Kunstwerk, also als Agent ästhetischer Erfahrung. Diese Idee möchte ich in meinem Beitrag nicht diskutieren, sondern zum Anlass für eine Re-Lektüre zweier Studien aus dem Bereich der Cultural Studies nehmen, die, entstanden Ende der 70er bzw. Ende der 90er Jahre, die Verschränkung beider Aspekte (Pop als Sozialisationsinstanz und als Kunstwerk) thematisieren: (1) Angela McRobbies (1991), aus der Kritik an den weibliche Akteure ausklammernden Subkulturstudien ihrer männlichen Kollegen am Birminghamer Centre for Contemporary Cultural Studies hervorgegangene Skizzierung einer schwärmerischen Mädchen-Fankultur; (2) Gerry Bloustiens (2003) medienethnografische Untersuchung mimetischer Aushandlungen des Selbst durch weibliche Teenager mittels filmischer Inszenierungen.
Eine von den Mädchen betriebene Spekulation auf Sein, Selbst und Zukunft kommt in beiden Studien deutlich zum Ausdruck und zeigt, inwiefern die Popkultur (oder auch: expressive Phänomene der Populärkultur in einem weiteren Sinne) realistischer Weise utopische Momente bereithalten kann: durch die Erzeugung eines sowohl imaginären wie somatisch erlebbaren Erfahrungsraumes, der die alltagskulturellen Konventionen situativ überschreitet und erweitert (und sie freilich auch reproduziert).

Für eine Tagung der Sektion Kulturen populärer Unterhaltung und Vergnügungen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde im Juni in Tübingen:
Die Vergnügen der Fußballfans. Begriffliche Konzeptionen und ethnografische Beobachtungen

Der Vortrag befasst sich mit der Fußballbegeisterung als einem kulturellen Phänomen, das populäre Unterhaltung und Vergnügung vielleicht wie kein zweites repräsentiert.
Der Vortrag ist wie folgt strukturiert. In einem ersten Schritt werden bestehende Ansätze der Fußballfanforschung dargestellt, welche Motivationen der Fußballbegeisterten zum Gegenstand haben und damit: verschiedene Erscheinungsformen des Vergnügens. Ich werde hier auf Klassiker der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur (Bausingers Vorstellung vom Fußballspiel als Fest, Elias’ Überlegungen zur Katharsis) ebenso eingehen, wie auf die Ergebnisse jüngerer Studien aus dem Bereich der empirischen Kulturwissenschaft / Volkskundliche (Jirats Studie über die Schaffhauser Bierkurve, Müllers Studie über eine Freundesgruppe in der Ostkurve des Bremer Weserstadions). Aus der Zusammenschau der verschiedenen Überlegungen und Beobachtungen wird sich ein Spannungsfeld ergeben zwischen einerseits großen Ideen zur Anthropologie der Fußballbegeisterung (Fest, Katharsis) und andererseits Beobachtungen an der Alltäglichkeit und auch Alltagsrelevanz der Fußballbegeisterung.
In einem zweiten Schritt werde ich Material aus einer aktuellen eigenen Feldforschung in dieses Spannungsfeld hineingeben und zu entfalten versuchen. Verschiedene, sehr konkrete Formen des Vergnügens der Fußballbegeisterten sollen hier deutlich werden. Von diesen her – und mit Bezug auf die im ertsen Schritt dargestellten Überlegungen und Beobachtungen – versuche ich verschiedene Formen des Vergnügens der Fußballbegeisterung zu unterscheiden. Auf der Ebene der Phänomene. Aber auch auf der Ebene der Begriffe, indem ich die Phänomene mit bestehenden Begriffen der kulturwissenschaftlichen Terminologie verbinde, wie Begehren, Ritual, Identifikation etc..
Die Idee ist, mit diesem Vorgehen zugleich etwas über die Vergnügen der Fußballbegeisterung (in ihrer Spezifik und in ihrer Verschiedenheit) auszusagen, wie auch an der analytischen Begrifflichkeit zu arbeiten, die es erlaubt, kulturwissenschaftliche Aussagen über Vergnügungen zu benennen, zu vergleichen und als Phänomene der Gegenwartskultur zu reflektieren.

Für eine Tagung über Subjektbegriffe in der volkskundlichen Kulturwissenschaft an der Universität Göttingen:
Subjekte unbewusster Identifikationen und Identifikationsmodi

Die Epistemologie der Volkskunde / Empirischen Kulturwissenschaft / Europäischen Ethnologie umfasst einzelne Konzeptionen und ganze Forschungsansätze, die Subjektivität als Konsequenz unbewusster Identifikationen begreifen. So schreibt Jeggle (2003) im Kontext seiner Ausführungen Zum ‘Unbewussten’ in der volkskundlichen Kulturwissenschaft von der “schwierige(n) Entstehung und Entwicklung der menschlichen Subjekte” (Jeggle 2003: 27). Einer Entstehung und Entwicklung, deren Dynamiken und Funktionsweisen sich Jeggle an dieser Stelle nicht näher zuwendet – er interessiert sich für die Spuren, die das Unbewusste in der Alltagskultur als Forschungsgegenstandsfeld der Volkskunde sowie im Forschungsprozess legt. Zweifellos wird dieser Entstehungs- und Entwicklungsvorgang hier aber als ein kultureller gedacht. Ebenso wie – und in diesem Fall auch explizit – bei einem weiteren kanonischen Autor volkskundlicher Epistemologie, Pierre Bourdieu. Mit dem Konzept des Habitus steht ein begriffliches Werkzeug im Zentrum von Bourdieus Studien, das die Erscheinung des Subjekts ebenso wie seine kulturelle Praxis des Wahrnehmens und Beurteilens der Wirklichkeit an das jeweilige ‘kulturelle Erbe’ und damit an die Identifikation des Subjekts mit dem Habitus seiner Vorfahren bindet.
In meinem Beitrag zum Workshop möchte ich das, was sich in diesen beiden Beispielen als unbewusste Identifikation andeutet, ausführlich entwickeln. Zu diesem Zweck greife ich mit dem strukturalen psychoanalytischen Ansatz Jacques Lacans auf eine Theorietradition zurück, die in der Volkskunde einen marginalen Stellenwert besitzt. Zu Unrecht, wie ich meine, denn Lacan bietet eine Reihe von Konzeptionen an, deren Übertragung in den Diskurs der Kulturwissenschaften es erlaubt, Subjektivität als Konsequenz unbewusster kultureller Identifikationen differenziert zu artikulieren. Zu diesen Konzeptionen zählt insbesondere die Unterscheidung zwischen symbolischen, imaginären und realen Dimensionen der Subjektivität. Sie implizieren jeweils verschiedene Modi der Identifikation (an die Unterscheidung von Symbolischem, Imaginärem und Realem schließen sich weitere zentrale Konzeptionen Lacans an: die Unterscheidung zwischen dem großen Anderen und dem kleinen anderen bzw. dem Objekt a, sowie die Unterscheidung zwischen Begehren und Genießen [jouissance]). Die Dimensionen bzw. Modi erläutere ich in meinem Beitrag einmal auf der Grundlage von Definitionen Lacans. Darüber hinaus zeige ich Beispiele für die Anwendung dieser Konzeptionen in der sozio-kulturwissenschaftlichen Forschung an der Gegenwartskultur auf, die aus Studien von Matthias Waltz (1993, 2001, 2006, 2007) und meiner eigenen Popkulturforschung (Bonz 2008) stammen.

Bibliografie

Bonz, Jochen 2008: Subjekte des Tracks. Ethnografie einer postmodernen / anderen Subkultur. Berlin: Kadmos.
Bourdieu, Pierre 1976 (1972): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Ders. 2005 (1980): Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Ders: 2003: In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung. Hrsg. von Franz Schultheis und Christine Frisinghelli, Graz: Edition Camera Austria.
2004 (1989): Der Staatsadel. Konstanz: UVK.
Jeggle, Utz 2004: Zum ‘Unbewussten’ in der volkskundlichen Kulturwissenschaft. In: Maase, Kaspar; Warneken, Jürgen (Hg.): Unterwelten der Kultur. Themen und Theorien der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Köln u.a.: Böhlau, S. 25- 44.
Lacan, Jacques 1990 (1975): Freuds technische Schriften (Das Seminar Buch I, 1953 – 1954). Weinheim und Berlin: Quadriga.
Ders. 1996a (1966): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion. In ders.: Schriften I. Weinheim und Berlin: Quadriga, S. 61-70.
Ders. 1996b (1986): Die Ethik der Psychoanalyse (Das Seminar Buch VII, 1959-1960). Weinheim und Berlin: Quadriga.
Ders. 2003 (1994): Die Objektbeziehung (Das Seminar Buch IV, 1956-1957). Wien: Turia + Kant.
Waltz, Matthias 1993: Ordnung der Namen. Die Entstehung der Moderne: Rousseau, Proust, Sartre, Frankfur a. M.: Fischer.
Ders. 2001: Zwei Topographien des Begehrens. Pop / Techno mit Lacan. In: Bonz, Jochen (Hg.): Sound Signatures. Pop-Splitter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 214-231.
Ders. 2006: Tauschsysteme als subjektivierende Ordnungen: Mauss, Lévi-Strauss, Lacan, in Moebius, Stephan und Papilloud, Christian (Hg.): Gift – Marcel Mauss’ Kulturtheorie der Gabe, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 81-105
Ders. 2007: Das Reale in der zeitgenössischen Gesellschaft, in Bonz, Jochen; Febel, Gisela; Härtel, Insa (Hg.): Verschränkungen von Symbolischem und Realem. Zur Aktualität von Lacans Denken in den Kulturwissenschaften. Berlin: Kadmos, S. 29-55.

jochen, zuletzt bearbeitet am 2. Februar 2012 um 10:33

Pop/Wissen/Transfer, Oldenburg, 14.01.2012

Impression von der Oldenburger Tagung der AG Populärkultur und Medien in der GfM. Mit Dietmar Elflein, Felix Papenhagen, Charis Goer, Kaspar Maase… Kurz vor Beginn der Abschlussdiskussion im Edith-Russ-Haus.

transfer

jochen, zuletzt bearbeitet am 16. Januar 2012 um 20:09

Hamburger Schule-Buch…

Weitere Artikel sind erschienen in Jungle World und Faz.

admin, zuletzt bearbeitet am 16. Januar 2012 um 19:24

“Unbegradigte Aussagen”

Pinky Rose weist mich darauf hin, dass an diesem Montag eine weitere Rezension zu Lass uns von der Hamburger Schule reden erschienen ist, in der taz, verfaßt von Sylvia Prahl, mit dem Titel Unbegradigte Aussagen. Mit schönem JakönigJa-Foto und dem Schwerpunkt auf der Hamburger Schule als Alltagskultur, auch als Produktionskultur. Ihr Fazit: “(E)ine informative und gut lesbare Oral History. Das liegt auch daran, dass die Aussagen der Protagonistinnen nicht zugunsten eines einheitlichen Sprachflusses begradigt wurden. Die Interviews ergänzen sich inhaltlich und machen ein sehr gegenwartsbezogenes Lebensgefühl greifbar, das eine ganze Generation geprägt hat.” Danke, Sylvia Prahl - und Pinky.

admin, zuletzt bearbeitet am 4. Januar 2012 um 12:48

Weshalb über Popkultur forschen?

Dieser und verwandten Fragen, das Verhältnis von Subjekt und Gegenstand des wissenschaftlichen Arbeitens betreffend, geht am 20.12. eine Diskussionsrunde am GCSC in Giessen nach.

admin, zuletzt bearbeitet am 7. Dezember 2011 um 11:36

Mehr sprechen von der Hamburger Schule

Eine ausführliche Rezension von “Lass uns…” erschien nun auf Freitag-Online. Interessant. Aber ohne Sinn für die Differenz zwischen Kunst und Leben. Unser Buch interessiert sich nunmal für Zweiteres (was wir auch klar sagen, wie ich finde). Weshalb mit Ersterer gegen Aussagen, die von Zweiterem handeln, zu argumentieren, ähm, irgendwie… nicht passt, oder?

admin, zuletzt bearbeitet am 6. Dezember 2011 um 18:15

Erst heute

beim Lesen der De:Bug habe ich mitgekriegt, dass Friedrich Kittler Mitte Oktober gestorben ist. Natürlich ist das Netz voll von dieser Nachricht und ich schäme mich für meinen Provinzialismus. Und bin traurig.

admin, zuletzt bearbeitet am 5. Dezember 2011 um 20:21

Lass uns von der Hamburger Schule reden…

… und zwar am Dienstag, den 06.12., um 22:00, auf Einladung von Pinky Rose, bei byte fm. Und nicht nur reden: Im Zentrum der Sendung steht Musik von Bernadette la Hengst, JaKönigJa, Concorde, Lassie Singers, Stella, School Of Zuversicht, Huah! u.a..

jochen, zuletzt bearbeitet am 2. Dezember 2011 um 21:25
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